Es herrscht Krise, aber nicht für Brahms, dem es prächtig geht. Der Beweis: Am 2. Mai, in einer elektrisierenden Atmosphäre, wie sie bei großen Veranstaltungen herrscht, drängte sich eine dichte, ungeduldige Menschenmenge vor den Türen des imposanten großen Auditoriums der Philharmonie, um der Aufführung seines Violinkonzerts und der Serenade Nr. 1 beizuwohnen. Glückliches Publikum, das das Vergnügen hatte, diesem Brahms-Konzert beizuwohnen, unter der Leitung von Paavo Järvi an der Spitze der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und mit im Mittelpunkt die hochkarätige Solistin Alena Baeva im Mittelpunkt stand – und das in diesen beiden überaus meisterhaften Werken des nordischen Barden!
Als gnadenloses Duell zwischen Violine und Orchester birgt das Konzert derart große technische Schwierigkeiten, dass ein Virtuose vom Kaliber eines Sarasate sich stets weigerte, es zu spielen, und man von ihm sogar als „ Konzert gegen die Violine“ ! Und doch gehört es zu den beliebtesten und am häufigsten aufgenommenen Werken für Violine. Von Anfang an wird deutlich, dass Alena und Paavo wie füreinander geschaffen sind und uns eine traumhafte Interpretation dieses Konzerts bieten, in der die eine im anderen ein Temperament findet, das mindestens ebenso leidenschaftlich ist wie ihr eigenes, wobei beide zeigen, mit welch gleicher Begeisterung sie in diese Brahms’sche Welt eintauchen, und sich damit diametral von jenen Interpretationen abheben, in denen der Dirigent lediglich als Gegenpart zum Solisten dient.
Die russische Geigerin, die offensichtlich auf dem Höhepunkt ihres Könnens steht und in der ihr zuteil werdenden Begleitung eine ausreichend solide Stütze findet, um sich wirklich zu behaupten und ihr herausragendes Talent in vollem Umfang zu entfalten, meistert ihren Part mit Bravour, ohne dabei das Orchester in den Schatten zu stellen. So entsteht ein ständiger Dialog zwischen einer lebhaften Solistin und einem Orchester, das es versteht, ihr zu dienen und sich gleichzeitig voll zu entfalten. Alle begeistern sich für ein einleitendes „Allegro ma non troppo“, das durch seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit beeindruckt. Im überwiegend melodischen mittleren Adagio bewundert man einen Gesang, der unter die Haut geht, zugleich sinnlich und elegant, ein wenig süßlich und in den Pianissimi (die so hauchzart sind, dass sie manchmal an der Grenze des Hörbaren liegen) einen Hauch von Zerbrechlichkeit aufweist, aber abgesehen von diesem kleinen Vorbehalt durch seine Zerbrechlichkeit und Sensibilität bewegend. Dies ist für die schöne Alena die Gelegenheit, den wunderschönen Klang ihrer Guarneri del Gesù „ex-William Kroll“ zur Geltung zu bringen, insbesondere den ihrer geschmeidigen und tiefen Töne, die Kraft ohne Härte ausstrahlen. Schließlich glänzt das kompakte und schwungvolle Finale durch die Anmut einer slawischen Prinzessin der Violine mit intensivem Spiel, in perfekter Harmonie mit dem Orchester, das den nötigen Schwung erzeugt. Nach langem und herzlichem Beifall kehrte die Geigerin unter dem Jubel des Publikums zurück, um mit außergewöhnlicher Musikalität eine Zugabe zu präsentieren, die zugleich von atemberaubender Virtuosität und seltener Poesie geprägt war.
Als Ergänzung zum Programm eine Rarität. Ja. Denn Brahms’ Serenaden werden viel zu selten aufgeführt. Dabei handelt es sich doch um eine Art verlorenes Paradies. Symphonisch, gewiss, aber „sympathisch“ vor allem – diese „Musik, die uns liebt“ ist eine Hommage an die musikalischen Unterhaltungsstücke des 18. Jahrhunderts, insbesondere an Mozarts Haffner- und Posthorn-Sinfonien, die der hanseatische Komponist in Detmold kennengelernt hatte. Die Erste ist ein so umfangreiches und vor allem so kontrastreiches Werk (meditative Passagen wechseln sich ab mit Episoden, die mal von einer sehr wienerischen, melodiösen Anmut geprägt sind, mal von einer belebenden Energie, gespickt mit punktierten Rhythmen), dass nur ein gutes Orchester daraus unbeschadet hervorgehen kann. Dies gilt für die Bremer Philharmoniker, die, beflügelt von einem Dirigenten, der der Partitur dient, bevor er sich selbst in den Vordergrund stellt, hier in voller Pracht glänzen – mit seidigen Streichern, fruchtigen Holzbläsern und goldbraunen Hörnern. Abwechselnd episch (Allegro molto), gemächlich (Allegro non troppo), meditativ (Adagio non troppo), beschwingt (Menuette I und II), mitreißend (Scherzo), fröhlich (Rondo), haucht Paavo Järvi dem Werk – das zwar bewegend, aber unausgewogen und ein klein wenig langatmig ist (fast eine Stunde!) – einen Puls, der durch seine technische wie musikalische Präzision besticht und den Zuhörer von Anfang bis Ende in seinen Bann zieht.