An der Oper von Lüttich war Ambroise Thomas’ „Hamlet“ vorletzte Woche ein wahres gesangliches und musikalisches Vergnügen. Aber es war auch ein sehr überzeugendes Beispiel für eine Inszenierungsweise, die sich im Theater und in der Oper durchgesetzt hat: Kameraleute auf der Bühne zu platzieren und die von ihnen aufgenommenen Bilder live zu übertragen. Das Video zu einem vollwertigen Bestandteil der Bühnenbildgestaltung zu machen. Im Theater und in der Oper Kino zu machen.
So auch bei diesem „Hamlet“: Die Sänger singen und spielen wie gewohnt, doch auf der Bühne sind auch Kameraleute zu sehen. Die von ihnen aufgenommenen Bilder werden sofort geschnitten und auf der großen Leinwand über der Bühne gezeigt. Wie üblich bietet der Regisseur sehr realistische Gesamtansichten. Man sieht die Figuren im Ringen mit den Protagonisten ihrer Geschichte, man sieht zum Beispiel die Machtverhältnisse, die sich zwischen ihnen herausbilden: den dominierenden oder dominierten Helden, einsam inmitten einer feindseligen Menge, als bedrohtes oder triumphierendes Paar. Gleichzeitig dringen wir dank der Nahaufnahmen, die auf der Leinwand erscheinen, gewissermaßen in die bewegende Intimität dieser gefilmten Figuren ein – eine Intimität, die man aufgrund der Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum normalerweise nicht erfassen kann. Oder während einer von ihnen vor unseren Augen eine Situation durchlebt, zeigt das gefilmte Bild einen seiner Rivalen – im Gegenschuss oder sogar außerhalb des Bildausschnitts, hinter den Kulissen. So sieht man mehr und besser.
Cyril Teste, der Regisseur von „Hamlet“ in Lüttich, beherrscht diese Technik perfekt. Das sieht man auf dem Foto, das den Artikel illustriert: Hamlet zweifelt, fragt sich, ob er wirklich verpflichtet ist, den Mord an seinem Vater zu rächen. Er singt uns dies vor, direkt vor uns, am Rand der Bühne. Doch plötzlich erscheint hinter ihm ein riesiges Bild, das uns den Opernsaal zeigt und in dessen Mitte, imposant, den Geist seines Vaters, der Gerechtigkeit fordert. Man versteht: Das Bild verstärkt die Aussage auf dramaturgisch äußerst treffende Weise.
So wird deutlich, welche große Bedeutung technologische Entwicklungen für die darstellenden Künste haben. Schon in längst vergangenen Zeiten gelang es, durch den Einsatz von Feuer oder Sprengstoff einige beeindruckende Spezialeffekte zu erzielen. Leicht zu handhabende bemalte Leinwände zeigten die aufeinanderfolgenden Schauplätze der Handlung. Auf den Boden gelegt und hin- und hergeschwenkt stellten sie ein stürmisches Meer dar. Später ließ man sich von den Seilen der Segelschiffe inspirieren, um die Kulissen an den Vorhängen hoch- und herunterzuziehen. Man entwickelte modulare Kulissen nach dem Vorbild von Lego oder Meccano, um die Schauplätze der Handlung schnell aufzubauen. Der Einsatz von Elektrizität Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete eine Revolution, da man zunehmend und immer besser mit all ihren Modulationen spielen konnte, um Stimmungen, Spezialeffekte und Fokuspunkte zu erzeugen. Die Beherrschung des Tons ermöglichte es zudem, die Stimmungen einer Aufführung zu vervielfachen. So wurden Mikrofone nicht mehr zur Verstärkung von Tönen eingesetzt, sondern im Gegenteil, um diese bis hin zum Flüstern nuancieren zu können. Spezielle Software steuert und ordnet die Komplexität aller eingesetzten szenografischen Mittel.
In den 1970er Jahren hielt das Videobild Einzug in die Fernsehstudios. Vorab aufgezeichnet und projiziert, diente es zunächst vor allem der Veranschaulichung und ersetzte gewissermaßen die gemalten Kulissen. Doch schon sehr bald selbst in dieser illustrativen Funktion begann es, eine Rolle bei der Vertiefung einer Figur zu spielen, eine Rolle als Erinnerung an eine verschwundene, abgelehnte oder vermisste Figur, während eine andere sich äußert, sowie eine schelmisch oder traurig-ironische Rolle, indem es eine Figur mit dem konfrontiert, was sie einmal war oder zu sein vorgab. Die Fortschritte bei den Kameras und der Bildbearbeitung haben dazu geführt, was wir heute erleben: die Live-Aufnahme und -Bearbeitung von Bildern.
Doch diese Vorgehensweise hat auch ihre Grenzen. Zunächst einmal dramaturgische: In vielen Fällen ist das Verfahren nicht wirklich integriert und spielt daher im kreativen Prozess keine wesentliche Rolle. Es wird lediglich aufgesetzt, einfach nur, weil es gerade im Trend liegt. Ein weiterer Vorbehalt ist, dass die Wirkung des Bildes so stark ist, dass es unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht: obwohl es eigentlich im Einklang oder als Kontrapunkt zu dem wirken sollte, was sich auf der Bühne abspielt, lenkt es uns unwiderruflich davon ab; unser Blick ist gefangen (in diesem Zusammenhang ein kleiner Tipp: Setzen Sie sich nicht zu nah an die Bühne, wenn Bilder gezeigt werden). Zudem lenken sie den Blick und zwingen uns einen Blickwinkel auf, nämlich den des Regisseurs, der die Bilder auswählt und zusammenstellt.
Doch manche Regisseure sind wahre Virtuosen dieses Theaters oder dieser Oper in Bildern. Im Grand Théâtre de Luxembourg konnten wir sie entdecken. Dazu gehören insbesondere Katie Mitchell, Guy Cassiers, Ivo van Hove, Anne-Cécile Vandalem und das FC Bergman. Sie eröffnen den Werken, die sie uns näherbringen, neue Horizonte, sie intensivieren und verdichten sie.