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Musik 5 Min. Lesezeit

Besitz(e)

Jazz

Erschienen in Ausgabe Januar 2022
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Im Innenhof der Abtei Neumünster hallt gedämpfte Musik wider. Das Echo ist eher leise und ein wenig beunruhigend. In einer Ecke des Kreuzgangs von Lucien Wercollier gibt Berlinde Deman eine beeindruckende Darbietung. Mit einer „Serpent“, einem ungewöhnlichen S-förmigen Blasinstrument, zaubert die belgische Tubistin mal stürmische Klänge, mal orientalische Melodien hervor. Sie bläst so in das Mundstück, dass ein kehliger Klang entsteht, den sie mithilfe eines Samplers mit mehreren Klängen überlagert; das Ergebnis wird zeitweise von Krämpfen unterbrochen, die an Kinderschreie und Flüstern erinnern. Die Musik scheint von dämonischen Wesen verfremdet zu sein. Ein Gefühl der Blasphemie in diesem ehemaligen Gebetsort.

An diesem Freitag, dem 14. Januar, erleben die anwesenden Zuschauer den zweiten Abend der fünften Ausgabe des Jazzfestivals „Reset“. Diese Veranstaltung, die sich sofort zu einem absoluten Highlight entwickelt hat, basiert auf einem relativ innovativen und auf den ersten Blick einzigartigen Konzept: Acht europäische Künstler werden eingeladen und treten an drei aufeinanderfolgenden Abenden gemeinsam auf. Wichtig ist, dass die temporären Ensembles geschlechterparitätisch besetzt sind: vier Frauen und vier Männer aus acht verschiedenen Ländern. Das Ziel ist es, einen Zusammenhalt innerhalb des Ensembles zu schaffen und Feindseligkeiten zu vermeiden, die in einem Jahr auf der Bühne deutlich sichtbar waren.

Am Vortag traten die acht Künstler an verschiedenen Orten der Hauptstadt auf, unter anderem im „Cercle Cité“ und im „Casino“. Heute Abend wurde in den vier Flügeln, die den zurückhaltenden Garten der Institution umgeben, ein neuartiges Konzept umgesetzt. Vom Eingang aus fällt auf, dass an beiden Enden zwei Bühnen aufgebaut wurden. Jeder Künstler wird nacheinander solo auftreten, die Frauen auf der linken Bühne und die Männer auf der rechten. Das Publikum muss sich dann von einem Auftritt zum nächsten bewegen, sodass sich die Zuschauer aus der ersten Reihe am Ende wiederfinden und umgekehrt. Pascal Schumacher, der künstlerische Leiter des Festivals, erklärt, dass er sich damit einen Traum erfüllt, indem er jeden Künstler einzeln auftreten lässt, damit das Publikum jedes einzelne Teil eines Puzzles entdecken kann, das am nächsten Tag beim Abschlusskonzert Gestalt annehmen wird.

Sanne Rambags, eine niederländische Sängerin, macht den Anfang. Sie interpretiert mehr, als dass sie singt. Zunächst ein launisches kleines Mädchen, dann eine Person, die sich nur schwer aus einem bösen Traum befreien kann. Zwischen einem Schrei aus tiefstem Innersten, einer beherrschten hohen Note und einem Wiegenlied bleibt vor allem die schöne Atemtechnik in Erinnerung. Anschließend präsentiert Jeff Herr, der indigene Schlagzeuger, einen recht interessanten Ansatz, der auf Impulsen und Akustik basiert. Johanna Summer, eine deutsche Pianistin, ist eine echte Entdeckung. Ihr Stück, jazzig wie es schöner nicht sein könnte, verzaubert das Publikum. Der ursprünglich angekündigte portugiesische Kontrabassist Nelson Cascais musste seinen Auftritt absagen, sodass einer seiner ehemaligen Schüler, André Rosinha, für ihn einsprang. Zunächst fragt man sich, welche Geschichte er uns erzählen möchte. Doch dann gewinnt sein zunächst etwas chaotisch anmutendes Ensemble mit jedem Takt an Struktur. Das Publikum begibt sich erneut auf den Weg, um Berlinde Deman zu entdecken, deren Auftritt bereits zuvor zusammengefasst wurde.

Eine neue Veränderung für eine neue Atmosphäre. Der dänische Gitarrist Mikkel Ploug bietet Musik voller Nostalgie, die in uns und in den Galerien nachhallt. Trotz des etwas abgedroschenen Aspekts des Konzepts des ständigen Umzugs versteht man den Reiz dieser Initiative. Eine zwar bereits bekannte Idee, die es den Musikern jedoch ermöglicht, die Räumlichkeiten vollständig in Besitz zu nehmen – so wie Mona Matbou Riahi, eine in Wien lebende iranische Klarinettistin, die ebenso von den Räumlichkeiten erfüllt zu sein scheint, wie sie diese selbst erfüllt. Sie lässt ihr Instrument im Inneren des Klaviers, das immer dort in einer Ecke steht, dröhnen, um stärkere Resonanzen zu erzielen. Sylvain Rifflet, der französische Saxophonist, der im Großherzogtum eher ein Stammgast ist, beschließt den Abend mit einem großartigen Stück im rasanten Rhythmus. Auf einem Hocker sitzend betätigt er mit dem rechten Fuß ein Pedal, das mit einer Shruti-Box verbunden ist, einem indischen Instrument, das er seit einigen Jahren mit sich herumträgt. Er schlägt den Takt im Crescendo und stampft auf seinen Schal, der sich im Rhythmus verfangen hat. Der Saxophonist beendet seinen Auftritt schweißgebadet unter tosendem Applaus.

Am Samstagabend treten die acht Künstler zum ersten und letzten Mal gemeinsam in dieser Besetzung auf. Es ist der Moment der Wahrheit. Die 200 vorgesehenen Plätze im Robert-Krieps-Saal sind ausverkauft. Sehr schnell versteht man das Prinzip: Bei jedem Titel steht einer der Musiker im Vordergrund. Die ungezwungene Verbundenheit zwischen einigen von ihnen ist eine Freude für Augen und Ohren. So tauschen Sanne Rambags, Berlinde Deman und Mona Matbou Riahi während eines Stücks regelmäßig Signale aus und fordern sich gegenseitig auf spielerische Weise heraus. Zwischen melancholisch angehauchten Melodien und experimenteller Musik mit Gesang in einer kryptischen Sprache deckt die Truppe ein breites Spektrum ab. Besonders in Erinnerung bleibt eine mitreißende Coverversion von „2 West 46th Street“ des genialen Moondog. Es gibt eine Zugabe, Johanna Summer und Mikkel Ploug machen sich nicht die Mühe, die Bühne zu verlassen. Denn alle haben es eilig: Die After-Party findet in der Brasserie der Abtei statt und dauert nur bis 23 Uhr.