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Musik 5 Min. Lesezeit

Auf den Straßen Thüringens

Bereits 2019 hatte Tobias Kratzers „Tannhäuser“ einhelligen Beifall gefunden, und in diesem letzten Jahr kam dann noch die ideale musikalische Leitung von Nathalie Stutzmann hinzu.

Erschienen in Ausgabe September 2023
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Ein Citroën Typ H, ein Lieferwagen aus Wellblech, saust durch die Landschaft, durchquert Felder und Wälder. Am Steuer sitzt eine attraktive, waghalsige junge Frau. Neben ihr ein Clown. Und die Truppe wird ergänzt durch eine Dragqueen namens Le Gateau Chocolat und Oskar mit seiner Trommel. Wetten, dass in der Mythologie des Lieferwagens Louis la Brocante und die Lyoner Landschaft nun in den Hintergrund gedrängt werden? Eine Welt der Venus, die ausnahmsweise einmal nicht auf Sinnlichkeit reduziert ist, wo in den Armen / glühender Liebe / selig Erwarmen / still eure Triebe ! Eine Gemeinschaft von Ausgestoßenen, bereit zu allen Überschreitungen: „Frei im Wollen / frei im Thun / frei im Geniessen“ – das Motto stammt von Wagner selbst, dem revolutionsbegeisterten Wagner von 1849.

Wenn Tannhäuser – er ist der Clown – das Spiel aufgibt, liegt das dann nicht mehr daran, dass er gesättigt ist, sondern an der Erinnerung an Elisabeth, die Nichte des Landgrafen, oder an der Verehrung der Jungfrau Maria? Unsere Fahrerin (im wahrsten Sinne des Wortes) ist auf einen Wächter zugerast, der sie aufhalten wollte; Tannhäuser wirft sein Bündel weg, das von seinen ehemaligen Gefährten schnell wieder aufgegriffen wird – gerade noch rechtzeitig für den Gesangswettbewerb, von dem wir wissen, dass er schlecht enden wird. Tannhäuser wird dank Elisabeth das Leben retten – sie ist so verzweifelt, dass Tobias Kratzer sie einen Selbstmordversuch unternehmen lässt; ihre Arme werden davon zeugen.

Ebenso ist das Scheitern der Vergebung bekannt, um die Tannhäuser in Rom gebeten hatte, und Elisabeth wird ihn nicht wiederfinden. Für ein einziges fleischliches Erlebnis gibt sie sich Wolfram hin, der seinerseits verkleidet ist und stets zwischen Freundschaft und seiner eigenen Neigung hin- und hergerissen war. Danach wird sie sich das Leben nehmen, und auch wenn der alte Citroën nur noch eine ausgemergelte Hülle ist, zeigt uns Tobias Kratzer ein letztes Mal die Vordersitze, Tannhäuser und Elisabeth an seiner Seite: die Wagner’sche Liebe, die nur jenseits des Todes möglich ist. Für Tannhäuser war das in diesem Moment die eigentliche Erlösung oder zumindest ein tröstlicher Gedanke, mit dem er irgendwie beruhigt sterben kann. In vertauschten Rollen, wie in dem erhabenen Bild der Pietà, hält Oskar den Leichnam von Elisabeth auf seinem Schoß.

1 Da ist also dieses Video (von Manuel Braun) mit dem Kleintransporter auf den Straßen Thüringens. Man kann sich keine bessere Verwendung dafür vorstellen. Mit solchen lustigen Einlagen zu Beginn, die das Publikum zum Schmunzeln oder sogar zum Lachen bringen und es dazu bringen, einheitlich zu reagieren; mit dem dramatischen Moment, in dem es zu einem Todesfall kommt, und mit dieser emotionsgeladenen Wendung auf den Straßen am Ende.

Ein Einsatz von Videomaterial, der auf äußerst wirkungsvolle Weise das unterstreicht, was Tobias Kratzers Inszenierung ihren ganz besonderen Reiz verleiht. Ein Geniestreich. Uns den Gesangswettbewerb im zweiten Akt miterleben zu lassen, der direkt ins Festspielhaus verlegt wurde. Auf diese Weise die ursprüngliche Erzählung und ihre heutige szenische Umsetzung miteinander zu verknüpfen. Es ist nicht mehr nur die Wartburg, die in ihren Zwängen und Konventionen gefangen ist. Schon im ersten Akt hatte man übrigens die Wagner-Pilger auf dem grünen Hügel vorbeiziehen sehen, am hohen Fest… gesegnet, wer im Glauben treu !

Es herrscht viel Heiterkeit – die Reaktionen des Publikums wurden bereits zur Kenntnis genommen –, und dennoch hat diese Inszenierung ein gewichtiges politisches Gewicht. Während des Gesangswettbewerbs zeigt das Video einen Blick hinter die Kulissen: wie sich die Ausgegrenzten ins Festspielhaus eingeschlichen haben, Venus inmitten der Protagonisten, wie ihre Komplizen kurz davor stehen, ihren Putsch zu vollbringen. Wäre da nicht die Hausherrin, die die Polizei alarmiert, fahren Autos die Auffahrt hinauf, tauchen Polizisten auf, um das Schlimmste zu verhindern und den überforderten Landgrafen zu unterstützen.

2 Auch wenn Katharina Wagner mit diesem Auftreten mitspielt und sich vor einer radikalen Infragestellung fürchtet, ist sie es doch, die in diesen Zeiten nach der Corona-Pandemie in mehr als einer Hinsicht neue Wege beschreitet: mit Augmented Reality, Fassungen für Kinder und der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Institution. Vor allem hat sie für den „Fliegenden Holländer“ Oksana Lyniv engagiert, die erste Frau an der Spitze des Bayreuther Orchesters. Und diesen Sommer, für die letzte Aufführungsreihe von „Tannhäuser“, hat sie dies mit Nathalie Stutzmann wiederholt, einer idealen Partnerin, die denselben Geist verkörpert wie Tobias Kratzer.

Diese Dirigentin hat selbst einen gesanglichen Hintergrund – sie ist eine Altistin mit wunderschönem, volltönendem Timbre –, und so ist es nur logisch, dass sie bei der Leitung des Orchesters durchweg den Sängern den Vorrang gibt. Es sind drei, die sich in einem glücklichen Gleichgewicht befinden: das Orchester, der Chor und die Sänger. Und alle strahlen dieselbe Wärme, dasselbe Leuchten aus. Es ist ein „Moderato cantabile“, um den Ausdruck von Durass zu verwenden. Mit solchen besonderen Akzenten – der Lebhaftigkeit von Ekaterina Gubanova (Venus), der Zerrissenheit von Klaus Florian Vogt (Tannhäuser) und der Ambivalenz von Wolf-
ram (Markus Eiche), die schmerzhafte Neigung von Elisabeth (Elisabeth Teige) – und neben all den anderen Sängern verdienen Manni Laudenbach (Oskar) und Le Gateau Chocolat eine besondere Erwähnung.

Behalten wir von dieser Inszenierung das abschließende Urteil von Tobias Kratzer im Gedächtnis: „Es hat bei allem Konzeptionellen halt immer auch mit einer kindlichen Spielfreude zu tun.“ Und diese Begeisterung hat sich als äußerst ansteckend erwiesen – zur großen Freude aller.