Blanquita ist 18 Jahre alt. Sie lebt in der chilenischen Hauptstadt in dem von Pater Manuel geleiteten Jugendheim. Einen Teil ihrer Kindheit und Jugend hat sie innerhalb dieser schützenden Mauern verbracht, in denen Gewalt dennoch an der Tagesordnung ist. Nach einigen Jahren des Umherirrens hilft sie dem Ordensbruder, sei es auch nur, um die psychisch labilen Jugendlichen im Heim zu beruhigen. Eine Arbeit, die ihr auch ein Dach über dem Kopf bietet, da sie über ein Zimmer verfügt, in dem sie nicht nur schlafen, sondern auch ihre kleine Tochter großziehen kann. Ein Baby, das sie mit einem Obdachlosen bekommen hat, als sie selbst auf der Straße lebte und ihre Nächte in der einen oder anderen besetzten Wohnung verbrachte.
Abgesehen von dieser wenig beneidenswerten Vergangenheit dreht sich die Geschichte um Blanquita, weil sie die Hauptzeugin in einem großen Skandal um Pädophilie und Kinderprostitution ist. Ein Prozess, in den ein steinreicher Industrieller und ein hochrangiger Politiker verwickelt sind. Mit anderen Worten: Unantastbare Persönlichkeiten – doch mit Hilfe des Priesters gelingt es Blanquita, sich Gehör zu verschaffen. Zunächst bei einigen Vertrauten des Geistlichen, darunter eine einflussreiche Politikerin, dann bei Psychologen, für die die Aussagen der jungen Frau durchaus glaubwürdig sind, und schließlich bei einer unbestechlichen Staatsanwältin, die es wagt, Anklage gegen die Verdächtigen zu erheben.
Die Justiz ist in Bewegung, und das sogar in einem Land, das sich offenbar noch nicht ganz von den langen Jahren der Pinochet-Diktatur erholt hat. Ausnahmsweise scheint der Tontopf die Oberhand über den Eisentopf zu gewinnen. Die Rache der Benachteiligten scheint endlich möglich, und zahlreiche Demonstrationen werden diesen Prozess begleiten. Trotz diskreter Mahnungen zur Vorsicht, direkterer Drohungen oder sogar einiger massiver Einschüchterungsversuche lässt sich Blanquita nicht beirren. Das verdankt sie Pater Manuel, das verdankt sie all den anderen Kindern aus benachteiligten Schichten, die von einigen reichen und mächtigen Herren der Oberschicht entführt, misshandelt und vergewaltigt wurden … und vor allem verdankt sie es ihrer kleinen Tochter, für die sie sich ein besseres Leben erhofft.
Die junge Frau verfügt über eine seltene Charakterstärke, sie drückt sich gut aus und fasziniert. Sie wird daraufhin die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen und so für manche zu einer Heldin der feministischen Bewegung, für andere zu einer Heldin der untersten sozialen Schichten. Doch wenn man sich zu viele Feinde macht, vor allem unter den Mächtigen, wird man irgendwann zum Störfaktor. Und ihre kleinen Geheimnisse und die kleinen Lügen, die sie für die gute Sache erzählt hat, kommen nach und nach wieder ans Licht. Im Laufe der Ermittlungen kommen bei der Justiz Zweifel auf. Ist es das Selbstschutzsystem der Reichen und Mächtigen, das wieder die Oberhand gewinnt? Haben sich Blanquita und Pater Manuel von ihren guten Absichten mitreißen lassen, auch wenn sie dafür hier und da die Wahrheit manipulieren mussten? Oder handelt es sich um eine juristische Intrige? Um persönliche Rache?
Obwohl er sich von einem realen chilenischen Gerichtsfall inspirieren ließ, der das Land Mitte der 2000er Jahre erschütterte, gibt der chilenische Drehbuchautor und Regisseur Fernando Guzzoni, der hier nach „Carne de perro“, (2012, ausgezeichnet beim Filmfestival von San Sebastián) und „Jesús: petit criminel“ (2016), gibt seinen Zuschauern nur spärlich Hinweise und beweist dabei ein großes Gespür für den Erzählrhythmus. Während der 90 Minuten des Films wird der Zuschauer in den Fall hineingezogen und mitgerissen. „Blanquita“ ist jedoch kein Gerichtsfilm, auch kein Krimi und schon gar kein Sozialfilm. Er ist ein bisschen von allem zugleich, zweifellos ein Drama, vor allem aber ein schnörkelloser Film, der, ohne in Richtung Dokumentarfilm zu tendieren – ein Genre, das Fernando Guzzoni bereits in seinem allerersten Film „La Colorina“ aus dem Jahr 2008 bedient hat –, dennoch von packendem Realismus geprägt ist. Realistisch ist der Film in seiner Inszenierung, in seinen Dialogen und in der Art und Weise, wie er die Gesellschaft darstellt. Realistisch in der Art und Weise, wie die Demonstrationen gefilmt werden. Realistisch in der Art und Weise, wie der Film die kleinen Niederträchtigkeiten jedes Einzelnen oder auch die Kraft der Gefühle zeigt, die bestimmte Menschen miteinander verbinden können.
Der Film, der von der Schauspielerin Laura Lopez Campbell in der Titelrolle wunderbar getragen wird, zeichnet ein großartiges Porträt einer Frau. Eine starke, intelligente und widerstandsfähige Frau, die – wie eine moderne Christusfigur – zu allem bereit ist, um die Dinge zu verbessern, selbst wenn sie dafür einen hohen Preis zahlen muss. Eine eindringliche Geschichte und ein meisterhaft inszenierter Film, der den Preis für das beste Drehbuch im Wettbewerb „Orizzonti“ der Filmfestspiele von Venedig gewonnen hat.
„Blanquita“, eine Koproduktion zwischen Chile, Mexiko, Luxemburg (Tarantula), Frankreich und Polen, ist ein klassischer, aber gelungener Spielfilm. Er verdankt dem Großherzogtum und ganz besonders Espera Productions die gesamte Bildnachbearbeitung, also die – dezenten – Spezialeffekte und die Farbkorrektur – hier wurden also die düstere Atmosphäre und die matten Farben erarbeitet, die den gesamten Film prägen.