Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Kino 6 Min. Lesezeit

Wenn das Kino die Zerbrechlichkeit der Identität thematisiert

Filmfestspiele von Venedig 2025

Erschienen in Ausgabe September 2025
Artikel teilen auf

„Father Mother Sister Brother“ mit Vicky Krieps gewinnt den Goldenen Löwen © Yorick Le Saux

Marc Trappendreher: In diesem Jahr erweist sich die Mostra in Venedig als Spiegel unserer kollektiven Ängste, die bis hin zur Fiktion der totalen Vernichtung reichen. Mehrere Filme im Wettbewerb beschäftigen sich mit derselben brennenden Frage: Was bleibt von uns übrig, wenn unsere Identität ins Wanken gerät, bedroht durch Ausgrenzung, Vergessen oder den Verlust gesellschaftlicher Anerkennung? Mit „Orphan“ beleuchtet László Nemes die ungarische Geschichte aus der Perspektive eines Kindes, das in einen Familienkonflikt verwickelt ist. Das intime Drama wird zu einer Allegorie auf die Spannungen nach 1956, in der die Figur des autoritären Vaters den sowjetischen Einfluss verkörpert. Yorgos Lanthimos greift seinerseits in „Bugonia“ die Handlung einer koreanischen Kultkomödie auf und verwandelt die groteske Entführung einer Pharma-Managerin in eine düstere Fabel über Paranoia, Verschwörungsglauben und die Schwierigkeit, in einer von Krisen geprägten Welt Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden. Auf den ersten Blick versprüht „Jay Kelly“ von Noah Baumbach Hollywood-Glamour. George Clooney spielt darin einen alternden Schauspieler, der mit dem Tod eines Kollegen und der Rückkehr eines ehemaligen Rivalen konfrontiert ist. Hinter seinem Charme verbirgt sich eine tiefe Verletzlichkeit: die Angst, in Vergessenheit zu geraten. Doch anstatt sich mit dem Älterwerden auseinanderzusetzen, verfällt der Film oft in Selbstverherrlichung.

Guillermo del Toro hingegen interpretiert „Frankenstein“ nicht als Horrorgeschichte, sondern als intime Tragödie neu. Sein Monster ist ein Wesen, das zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und Ablehnung hin- und hergerissen ist. Der Film konzentriert sich auf das Leiden einer ausgegrenzten Kreatur, die unsere eigenen Ausgrenzungen widerspiegelt. Wie schon in „The Shape of Water“ oder „Nightmare Alley“ hüllt del Toro seine „Monster“ in Zärtlichkeit. Identität ist hier zerbrechlich, weil sie vom Blick der anderen abhängt – einem Blick, der oft grausam ist.

Mit „No Other Choice“ überträgt Park Chan-Wook diese Frage in die gnadenlose Welt der Arbeit. Ein Familienvater, der entlassen wurde, wird auf seinen rein wirtschaftlichen Wert reduziert. Die Arbeitssuche wird zu einem tödlichen Wettstreit, in dem sich die Bewerber zu Feinden wandeln und das Überleben jegliche Moral zunichte macht. In einer Inszenierung, die zwischen der Spannung eines Thrillers und dem Humor der schwarzen Satire oszilliert, zeigt Park, wie der Kapitalismus Identitäten zermalmt. Doch trotz ihrer Qualität gingen all diese Filme letztendlich leer aus. Stattdessen triumphierten die politische Dringlichkeit und die Poesie der Stille.

Maria Sole Colombo: Zur allgemeinen Überraschung verlieh die Jury unter dem Vorsitz von Alexander Payne den Goldenen Löwen an „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch. Ein intimes und feinfühliges Drama, das sich trotz einer erstklassigen Besetzung als „kleines“ Werk in der Filmografie des amerikanischen Filmemachers etabliert: Adam Driver, Tom Waits, Cate Blanchett, Vicky Krieps und Charlotte Rampling – eine Parade zeitgenössischer Stars, die im neuen amerikanischen Autorenkino hoch im Kurs stehen. Von einer erstaunlichen Anmut und Sanftheit geprägt, entfaltet sich die Erzählung in drei Episoden von zunehmender emotionaler Intensität, die durch unsichtbare thematische Fäden miteinander verbunden sind: die Mauer der Unkommunikativität, das Scheitern der Familie als Grundzelle der Gesellschaft, die Krankheit der Gefühlslosigkeit, die Menschen jeden Alters und jeder geografischen Herkunft zu befallen scheint. Jarmuschs Inszenierung ist schlicht, reduziert, fast bescheiden. „Father Mother Sister Brother“, das auf Dialogen basiert und vollständig in Innenräumen gedreht wurde, mag auf den ersten Blick wie ein „wenig filmisches“ Werk erscheinen. Jarmuschs Größe zeigt sich jedoch in der meisterhaften Führung der Schauspieler, in den blitzartigen Einlagen bissigen Humors, die die Erzählung untermalen, oder in bestimmten inszenatorischen Entscheidungen, die ebenso nüchtern wie raffiniert sind. In dieser ebenso unerwarteten Auszeichnung lässt sich unschwer eine Hommage an Jarmuschs gesamtes Schaffen erkennen, der zwar seit Jahrzehnten von der Kritik gefeiert wird, jedoch noch nie eine Auszeichnung dieser Größenordnung erhalten hatte.

Am Vorabend der Preisverleihung sprachen alle Prognosen für „The Voice of Hind Rajab“ der Tunesierin Kaouther Ben Hania, der schließlich der Silberne Löwe, der Große Preis der Jury, verliehen wurde. Ob man ihn nun mag oder nicht – dieses Werk ist DER Film dieser Mostra in Venedig, der die heftigsten kritischen Debatten auslöst und aufgrund der absoluten politischen Dringlichkeit, die von dieser Erzählung ausgeht, die größte Aufmerksamkeit der Medien auf sich zieht. Es handelt sich um die wahre Geschichte von Hind Rajab, einem fünfjährigen palästinensischen Mädchen, das im Januar 2024 von der israelischen Armee getötet wurde, trotz der Rettungsversuche des Roten Halbmonds. Indem er Dokumentarfilm und Fiktion miteinander vermischt (und dabei eine bemerkenswerte Leichtigkeit im Umgang mit einem historischen Dokument von solch unerträglicher Gewalt an den Tag legt), integriert Ben Hania die authentischen Tonaufnahmen von Hind Rajabs Stimme in eine äußerst emotionale Nachstellung, in der professionelle Schauspieler die Mitarbeiter des Roten Halbmonds verkörpern. Über seine anklagende Botschaft hinaus wirft der Film zentrale Fragen auf, die den Zuschauer dazu zwingen, über die Moral des Blicks, die Grenzen der Darstellbarkeit und die zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Inszenierung nachzudenken. Den Vorwürfen, er bediene sich einer perversen und manipulativen Form der Schmerzpornografie, kann der Film die Gründe der politischen Mobilisierung und die Kraft der Wahrheit entgegenhalten: Kann ein reales Bild obszön sein? Ist es angesichts der Tatsache, dass die sozialen Netzwerke mit Bildern des Todes übersättigt sind, überhaupt noch sinnvoll, dass das Kino sich Tabus auferlegt?

M.T.: Parallel zum offiziellen Wettbewerb um die prestigeträchtigen Löwen wurde der Fiprisci-Preis der internationalen Filmkritik an „Silent Friend“ verliehen, den deutschen Beitrag der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, die bereits 2017 in Berlin für „On Body and Soul“ den Goldenen Bären gewonnen hatte. In diesem neuen Werk entfaltet sie eine Erzählung, die drei Epochen durchspannt – 1908, 1972 und 2020 –, die alle durch die unveränderliche Präsenz eines alten Ginkgos verbunden sind, eines stillen Zeugen des menschlichen Daseins. Anhand poetischer und surrealer Bilder erforscht sie die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

M. S. C.: In „Silent Friend“ stimmen Idee und Umsetzung nicht ganz miteinander überein. Die formale Struktur des Films ist überladen, gewagt, manchmal chaotisch, mit einem Wechsel zwischen verschiedenen Formaten. Gerade in seiner Unvollkommenheit erweist sich das neueste Werk von Ildikó Enyedi jedoch als kühnes und mutiges Werk, getragen von einem vielleicht unerreichbaren Anspruch: Wie lässt sich das Unsichtbare darstellen? Anhand der parallelen Geschichten dreier Botaniker erkundet der Film jene menschliche Spannung, die uns dazu treibt, den Kontakt zu fernen und scheinbar „stillen“ Lebensformen wie den Pflanzen zu suchen: dieses zugleich verzweifelte und wunderbare Verlangen, mit dem Anderen zu kommunizieren, um in Gemeinschaft mit der Welt zu treten.