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Kino 4 Min. Lesezeit

W. im Kampf gegen die Cyberkriminalität

Die großherzogliche Webserie „W.“ ist mit einer zweiten Staffel wieder online. Acht Folgen, die die Schwächen der ersten Staffel beibehalten, dabei aber auf einige ihrer Höhepunkte verzichten.

Erschienen in Ausgabe September 2022
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Eine luxemburgische Webserie auf Luxemburgisch, die von Luxemburgern konzipiert, inszeniert, produziert und gespielt wurde – bis Januar 2020 war das noch nie da gewesen! Das Land hatte bereits Erfahrungen mit Sitcoms („Weemseesdet“, „Comeback“), Spielserien („Zëmmer ze verlounen“), Dramaserien (Bad Banks, Capitani), Dokumentarserien (routwäissblo) und vor allem Zeichentrickserien (Michel, Grenadine & Peppermint, Zoli & Pokey, Ernest und Célestine, Fox & Hare, Barababor…), doch auf Webserien musste man erst bis zu „W“ warten.

In dieser Serie, die von Frédéric Zeimet (Drehbuchautor der Serie „Comeback“ und des Films „Doudege Wenkel“) geschrieben, inszeniert und produziert wurde, begleitet der Zuschauer die Geschichte von Charlotte „ Charly “ Bech, einer jungen Frau mit Asperger-Syndrom. Es handelt sich um dieselbe Autismus-Spektrum-Störung wie bei bekannten Figuren wie Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“, Shaun Murphy in „Good Doctor“, Morgane Alvaro in „HPI“ oder auch Astrid Nieslen in „Astrid und Raphaëlle“. Wie alle anderen (fiktiven) Figuren, die von diesem Autismus-Syndrom betroffen sind, verfügt Charlotte über enorme kognitive Fähigkeiten, hat aber auch große Schwierigkeiten im sozialen Umgang. Außerdem hat sie ihr Gedächtnis verloren.

In der ersten Staffel wird sie von der Polizei entdeckt – allein im Wald, mit blutbefleckter Kleidung. Im Laufe von fünf Folgen à fünf bis zehn Minuten hilft sie den Polizisten schließlich dabei, einen Fall von Kindesentführung aufzuklären. Insgesamt weniger als eine Stunde – das ist kurz. Es ist schwierig, die Psychologie der verschiedenen Figuren wirklich auszuarbeiten. Zudem wurde die Serie mit einem winzigen Budget gedreht, was eine begrenzte Anzahl an Figuren, Schauplätzen und Drehtagen mit sich bringt… Die Serie hat also jede Menge kleine Unvollkommenheiten, aber irgendetwas sorgt dafür, dass das Ganze dennoch stimmig ist. Catherine Elsen überzeugt in der Hauptrolle, und die Arbeit an Bild und Ton, die auf Charlottes innere Gefühlswelt abgestimmt ist, ist ein voller Erfolg.

Das Ergebnis: Die Webserie wird auf den verschiedenen Webplattformen (Facebook, YouTube, Vimeo, Instagram, Videmic, Flixxo) verzeichnen und in der kleinen Welt der Webserien mit internationalen Nominierungen und renommierten Auszeichnungen Anerkennung finden: Gold Award beim DC Web Fest, bestes Drehbuch bei dieSeriale und beim TO Webfest sowie der Vizemeistertitel beim Web Series World Cup.

Grund genug für das Team, sich wieder an die Arbeit zu machen und eine Fortsetzung der Serie zu produzieren. Das passt gut, denn die erste Staffel endete mit einem Cliffhanger: Charlotte hatte entdeckt, dass ihr verschwundener Ehemann und ihr Sohn sie brauchen. Die Zuschauer wollten mehr erfahren. Seit dem 15. September ist es nun soweit. Ein „Kapitel II“ mit acht Folgen, das die Produktion erneut auf den Webplattformen veröffentlicht – im Rhythmus von einer oder zwei Folgen pro Woche, je nach den Erfordernissen der Handlung und der Ungeduld der Zuschauer. Tom, der für die ersten Ermittlungen zuständige Polizist, ist tot; sein Untergebener und Freund Greg wird nun an Bedeutung gewinnen. Vom einfachen „Wingman“, der der Serie eine humoristische Note verlieh, wird er neben Charlotte zu einer zweiten Hauptfigur der Serie.

Nach den Kindesentführungen sieht sich Luxemburg nun mit einem groß angelegten Hackerangriff konfrontiert. Es wurden große Geldsummen und zahlreiche personenbezogene Daten gestohlen, und alle IT-Systeme des Staates wurden lahmgelegt. Das kleine Polizeiteam, das für Cyberkriminalität zuständig ist, benötigt Charlottes Fachwissen, um in den Ermittlungen voranzukommen, zumal der Fall offenbar einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der Familie Bech hat. Diese neue polizeiliche Ermittlung bietet Frédéric Zeimet die Gelegenheit, aktuelle Themen anzusprechen: natürlich Covid und die Art und Weise, wie es unser Leben auf den Kopf gestellt hat, aber auch Homosexualität, Sexismus, Liebe und Freundschaft… Themen, die aus Zeitgründen eher angeschnitten als ausführlich behandelt werden, aber dennoch präsent und natürlich relevant sind.

Allerdings ist die Art und Weise, wie diese Themen eingebracht werden, verwirrend. Die zweite Folge der neuen Staffel lässt sich auf eine Sitzung bei Gregs Psychiater zusammenfassen, während sich der dritte Band ganz auf eine Angstattacke von Charlotte konzentriert. Der Regisseur verleiht den Figuren damit mehr Tiefe und hebt die Leistung seiner Schauspieler hervor, doch dadurch beginnt die Ermittlung erst in Folge 4 wirklich. Ein ziemliches Risiko für das Drehbuch – es ist ungewiss, ob es sich auszahlen wird. Abgesehen davon verzichtet diese Fortsetzung – um nicht das Gleiche wie in der ersten Staffel zu wiederholen – allzu oft auf die visuellen und akustischen Elemente, die maßgeblich zum Erfolg der ersten Staffel der Serie beigetragen haben. Das ist wirklich schade. Umso mehr, als ein erneut knappes Budget es dem Team nicht ermöglicht hat, eine Reihe von Unvollkommenheiten zu vermeiden.

Die ebenso eigenwillige wie überzeugend dargestellte Figur der Charlotte, der „Whodunit“-Charakter der Serie mit der Spannung, die sich nach und nach aufbaut – vor allem am Ende von Folge 7 – und diese Schnitzeljagd aus den aus jeweils einem Buchstaben bestehenden Episodentiteln, die zusammen ein für die Handlung wichtiges Wort bilden. Es bleibt abzuwarten, ob das ausreichen wird, um die „W.“-Community wieder dazu zu bewegen, diese neue Staffel mit derselben Begeisterung zu verfolgen wie die erste.

W. von Frédéric Zeimet mit Catherine Elsen, Frank Grotz, Frédérique Colling, Elena Spautz, Claude Faber, Konstantin Rommelfangen. Produktion: Six Letters