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Kino 6 Min. Lesezeit

Virtuell, künstlerisch und politisch

Filmfestival in Luxemburg-Stadt

Erschienen in Ausgabe März 2024
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Inmitten des filmischen Festivaltumults des Luxembourg City Film Festivals widmet sich der im Neimënster eingerichtete Pavillon de Réalité Virtuelle der virtuellen Realität, aber auch der Mixed Reality und in diesem Jahr zudem dem Gaming mit einem Überblick über luxemburgische Videospiele.

Es ist schwer, das Gezeigte einzuordnen – das passende Wort wurde noch nicht gefunden. Manche sprechen von „Werken“, ich würde nicht so weit gehen und würde eher von „Erlebnissen“ sprechen. Die virtuelle Realität hat sich in die große Welt des Kinos eingefunden (oder wurde dort eingeführt), denn dort werden Geschichten mithilfe digitaler Bilder geschaffen. Im Jahr 2017 erhielt Alejandro Iñárritu sogar einen bisher einmaligen Oscar für seine monumentale Installation aus Virtual Reality und Video, „Carne y Arena“. Es handelte sich um ein künstlerisches Erlebnis, das man als Gesamtkunstwerk zum Thema Migration bezeichnen könnte und das unter anderem in der Fondazione Prada in Mailand ausgestellt wurde.

Die virtuelle Realität könnte genauso gut Teil dessen sein, was das Theater ausmacht, nämlich Raum. Diese Erlebnisse entfalten sich in einem oder mehreren vorgegebenen Räumen und weniger entlang einer Zeitachse, wie es beim Kino der Fall ist. Man taucht in diese Erlebnisse ein, schlüpft in die Haut eines anderen – eines realen oder fiktiven Lebewesens, eines Objekts oder sogar einer Emotion. Als Publikum wird man sofort (sofern man sich auf das Experiment einlässt) von der Umgebung mitgerissen, also in den Raum, der aus Bildern, aber auch aus binaural (d. h. beide Ohren betreffend) artikulierten Klängen besteht, und vor allem durch einen radikalen Raumwechsel, sobald man ein Headset oder eine Brille für virtuelle oder erweiterte Realität aufsetzt.

Zunächst ist es ein sehr überraschendes Erlebnis, so wie es zweifellos auch der Film der Brüder Lumière war, als man 1895 zum ersten Mal auf der großen Leinwand sah, wie der Zug in den Bahnhof von La Ciotat einfuhr. Wie dieser erste Film erfordert auch die virtuelle Realität, die die reale Welt widerspiegelt, eine kognitive Anpassung und eröffnet neue Möglichkeiten für immersives Erzählen. Alle Szenarien sind dabei zulässig, solange sie immersiv und in einer 360-Grad-Beziehung zur Realität ablaufen. Diese Szenarien werden von Autoren und Digitalkünstlern in enger Zusammenarbeit verfasst. Soviel zur Theorie.

Nun in der Praxis und insbesondere im Jahr 2024 im Pavillon der Virtuellen Realität: eine von den Experten des Centre Phi in Montreal sehr sorgfältig inszenierte (dieses Jahr allerdings etwas zurückhaltender!) Ausstellung. Die Kuratierung der Erlebnisse übernimmt erneut die Direktorin Myriam Achard in Zusammenarbeit mit dem Film Fund Luxembourg.

Man kann dort beispielsweise die Internationale Raumstation entdecken – mit „Space Explorers – Spacewalkers“, einem Werk der Zauberer Félix Lajeunesse und Paul Raphaël. Man kann aber auch in die Geschichte eintauchen – mit „Noire“. Das unbekannte Leben von Claudette Colvin, bei dem man von der Erzählung eines Buches zur erweiterten Realität wechselt. Ein sensorisches Erlebnis, realisiert von Stéphane Foenkinos und Pierre-Alain Giraud, das bereits im Centre Pompidou in Paris gezeigt wurde. Es handelt sich um eine Augmented-Reality-Installation, die vom gleichnamigen Buch der Autorin Tania de Montaigne inspiriert ist. Man begegnet darin einer fünfzehnjährigen Jugendlichen, die sich im von Rassentrennung geprägten Alabama des Jahres 1955 weigerte, ihren Sitzplatz einer weißen Fahrgastin zu überlassen – genau neun Monate vor Rosa Parks.

Außerdem gibt es den Kurzfilm „The Fury“ der unbestritten renommierten iranischen Videokünstlerin Shirin Neshat. Sie stellt das Thema der Gewalt gegen Frauen und im weiteren Sinne die jüngste iranische Revolution „Frauen, Leben, Freiheit“ (die noch andauert) in den Mittelpunkt der Performance – ganz einfach, wenn ich so sagen darf, durch eine Frau, die inmitten erniedrigender und bedrohlicher Blicke von Männern tanzt. Eine Performance einer verfolgten Frau. Es handelt sich hier also um Kunst mit politischem Thema.

Es gibt mehrere von Luxemburg mitproduzierte Projekte, darunter das schöne Projekt „Floating with Spirits“ von Joanita Onzaga, das gemeinsam mit Tarantula produziert wurde. Darin bereiten sich zwei Schwestern auf den Tag der Toten vor und erinnern sich an die Geschichten, die ihnen ihre Großmütter, die Schamaninnen, erzählt haben. Ein Fenster in die Gemeinschaft der Mazatec, das dem Publikum einen besonderen Einblick in eine spirituelle Welt gewährt.

Und dann „Wir, die Barbaren“ des bildenden Künstlers und Regisseurs Bertrand Mondico, ein überraschendes Werk, das am Set seines jüngsten, ebenfalls außergewöhnlichen Spielfilms mit dem Titel „Conann“ entstanden ist; beide Filme wurden von Les Films Fauves koproduziert und 2023 bei der „Quinzaine des cinéastes“ in Cannes ausgewählt. Auch dies ist ein sehr starkes künstlerisches Projekt.

Die letzte luxemburgische Produktion dieser Auswahl, die ebenfalls im Wettbewerb steht, trägt den Titel „Errances“; sie wurde von Gwenaël François geschrieben und inszeniert und von SkillLab produziert. Der Film entführt den Zuschauer in eine Welt, die zugleich wüstenartig und futuristisch anmutet.

So bewegt man sich zwischen politischen und historischen Themen sowie traumhaften Visionen hin und her. Man stellt (wieder einmal) einen bemerkenswerten Fortschritt fest, nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch inhaltlich. Letzterer wird sogar didaktisch, wie bei „Letters from Drancy“ von Darren Emerson, einem Werk, das 2023 auf der Film-Biennale in Venedig präsentiert wurde und uns mit einer Überlebenden des Holocaust konfrontiert. Marion Deichmann erzählt ihre Geschichte in einer rekonstruierten virtuellen Welt (die größtenteils dokumentarisch ist). Der Virtual-Reality-Pavillon 2024 ist zwar eine Ausstellung, aber auch ein Highlight, das Luxemburg hier eine Art „Teilchenbeschleunigung“ im Sinne von gemischten Realitäten, den sogenannten XR-Realitäten, ermöglicht – kurz gesagt: neue Erzählformen. Eine Gelegenheit für Experten aus aller Welt, sich zu treffen, ihre jeweiligen laufenden oder in der Entwicklung befindlichen Experimente oder Installationen vorzustellen und nach neuen Finanzierungs- sowie Verbreitungswegen zu suchen, um diese Form des künstlerischen Ausdrucks weiterhin fest zu verankern.

Parallel zum Programm gibt es auch einen Einblick in die Videospielszene in Luxemburg – eine kleine interaktive Ausstellung, die von Fred Neuen, selbst Gamer und Spieleentwickler, kuratiert wurde. Die Entwicklung von Videospielen scheint zu einer neuen Aufgabe für den Film Fund Luxembourg zu werden. Manche werden dies als gewagt empfinden, wenn sie an die klassische Filmproduktion denken, die stets bestrebt ist, sich zu stärken und die Fachkräfte der Branche zu halten. Aber vielleicht muss eine auf Medien spezialisierte Institution wie der Film Fund tatsächlich auf die starke Nachfrage der Animationsproduzenten und die technologischen Trends eingehen, die gar nicht so neu sind, wie man auf den ersten Blick meinen könnte (was Videospiele angeht, beginnt die Entwicklung in Luxemburg erst spät). Vielleicht – und das ist der Wunsch – wird sich für diese Form des kreativen Schaffens eine eigene Finanzierungsnische finden (denn genau darin liegt die Sorge). Vielleicht – wer weiß – könnte sich Luxemburg stärker im Bildungsbereich positionieren und didaktische Videospiele für alle Lernstufen entwickeln.

Um jedenfalls diejenigen zu überzeugen, die Virtual- und Augmented-Reality-Brillen oder -Headsets noch skeptisch gegenüberstehen, muss man sagen, dass das aktuelle Angebot von sehr guter Qualität ist (Übelkeit tritt a priori nicht mehr auf) und ein Ansehen genießt, das man nicht ignorieren kann, denn diese Erlebnisse wurden auf den renommiertesten Filmfestivals wie denen in Venedig, Tribeca oder Locarno präsentiert, da fast alle großen Festivals eine Sektion für virtuelle Realität mit einem Wettbewerb einrichten. Das LuxFilmFest tut es ihnen gleich und setzt eine Fachjury ein, die sich aus Vertretern der zeitgenössischen Kunstszene und des Bereichs der Mixed Realities zusammensetzt: Delphine Munro, Emilie Paige und Ulrich Schrauth.