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Kino 3 Min. Lesezeit

Tödlicher Blick

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe August 2021
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Nach „La Pointe courte“ (1955) und einem ersten Abstecher in das Kurzfilmformat handelt es sich hierbei um ihren zweiten Spielfilm. „La Pointe courte“ wurde in Sète in einem Fischerviertel gedreht und war, wie man sich erinnert, „Pierre F.“ gewidmet, dem Ehemann ihrer Freundin Suzou, der während der Dreharbeiten an Krebs verstorben war. Das Thema Krankheit, das in diesem letzten Film nur am Rande gestreift wurde, wird fortan aus der Perspektive einer Frau behandelt und in „Cléo de 5 à 7“ direkt thematisiert. Genau zwei Stunden lang (von 5 bis 7 Uhr), Minute für Minute, vergeht die Zeit ängstlich, während man auf die Ergebnisse einer medizinischen Untersuchung wartet. Ein Warten, das gelinde gesagt abergläubisch ist: Das Ticken einer Uhr wirkt plötzlich bedrückend, während sich die Straßen von Paris mit Unglücksvögeln füllen. An anderer Stelle zerbricht ein Spiegel – ebenfalls ein Zeichen des Unglücks. Die schreckliche Krankheit wird bereits in der Eröffnungssequenz während einer denkwürdigen Handleseszene benannt. Die Prüfungen eines Lebens lassen sich aus den Tarotkarten ablesen, bis hin zur letzten, makabren und unumstößlichen Karte, die den tragischen Ausgang von Cléo (die märchenhafte Corinne Marchand) vorhersagt, einer engelsgleichen Sängerin, die in der Blüte ihres Lebens und ihrer Schönheit vom Schicksal ereilt wird…

Was soll man tun und wie soll man leben, wenn man schon im Voraus weiß, dass man dem Tod geweiht ist? Diese schwerwiegende, grundlegende Frage stellte Tolstoi seinen Lesern mit dem Roman „Der Tod des Iwan Iljitsch“ (1886), und später tat dies auch Akira Kurosawa mit seinem Film „Leben“ (1952), einem Meisterwerk des japanischen Regisseurs, das auf derselben Erzählung des russischen Schriftstellers basiert. Die Krankheit, die in jeder Einstellung, im geringsten Licht oder in jedem Wortwechsel den Tod erahnen lässt, ist im Westen ein wohlbekanntes dramatisches und erzählerisches Motiv. Ihre grundlegende Erzählung findet sich im Neuen Testament, wo Jesus noch zu Lebzeiten seinen bevorstehenden Tod zur Erlösung der Menschheit ankündigt. Es ist auch der melancholische Blick, den jede „Madonna mit Kind“ trägt, in dem sich bereits im Voraus das Schicksal ihres Kindes abzeichnet. Alles wird somit im Spannungsfeld einer zeitlichen Kluft wahrgenommen: einerseits die lebendige Präsenz der Schauspielerin auf der Leinwand und andererseits die Abwesenheit, das verhängnisvolle Verschwinden, das sich bereits in der Ferne ankündigt. Das weiß Agnès Varda; und genau hier kommt ihre Ausbildung in Kunstgeschichte ins Spiel. Nicht nur ist Florence, der eigentliche Vorname von Cléo, eine Anspielung auf die italienische Stadt. Da Flore aber auch die Göttin des Frühlings ist, denkt man im weiteren Sinne an Sandro Botticellis „Der Frühling“ (1478), das berühmte mythologische Tafelbild in den Uffizien in Florenz. Eine Ausbildung, die sich bereits in ihren ersten Werken bemerkbar macht, etwa wenn sie mit der Mosaikkunst experimentiert oder sich selbst im Profil fotografiert, um die Ähnlichkeit mit den frommen Figuren Bellinis hervorzuheben. Nicht zu vergessen natürlich der Jeanne-d’Arc-artige Topfschnitt, den Agnès Varda ihr ganzes Leben lang trug…

Daher auch die Vermischung alter und moderner Stile, die in „Cléo de 5 à 7“ durchgehend nebeneinander bestehen. Die Geschichte von Florence-Cléo, die zugleich Musical, Taxi-Movie und urbane Streifzug ist, hat ebenso viel von einer Tragödie wie von einer christlichen Fabel. Wie in „Le Bonheur“ (1965), dem anderen Meisterwerk von Agnès Varda, steht der Frühling am Ende und am Anfang des Lebens und schließt damit einen Zeitzyklus ab, der auf eine unwahrscheinliche Auferstehung hinführt…