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Kino 3 Min. Lesezeit

Rosa Diamant

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe November 2021
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Innerhalb von fünfzehn Jahren hat sich Portugal – wohl zusammen mit Rumänien – zu einem der kreativsten Zentren des europäischen Kinos entwickelt. Es scheint fast so, als hätte der Mangel an finanziellen Mitteln den Erfindungsreichtum beflügelt. Lange Zeit auf wenige Leitfiguren wie João César Monteiro oder Manoel de Oliveira beschränkt, ist nun eine neue Generation von Künstlern in der portugiesischen Filmlandschaft herangewachsen. Tatsächlich sind in den letzten Jahren zahlreiche einzigartige Filme entstanden. In einem Land, das für seine sehr konservativen Sitten bekannt ist, sorgte João Pedro Rodrigues 2001 mit dem treffend betitelten „O Fantasma“ für Aufsehen, bevor er 2016 mit „Der Ornithologe“ nachlegte, in dem die christliche Ikonografie – ganz im Stil von Pier Paolo Pasolini – die homosexuelle Faszination des Filmemachers zum Ausdruck brachte. In einem eher politischen Kontext machte sich Pedro Costa mit Filmen einen Namen, deren schlichter und strenger Stil an die Ästhetik von Jean-Marie Straub erinnert, wie in „Vandas Zimmer“ (2000) oder „Vorwärts, Jugend!“ (2006), die beide im Lissabonner Slum Fonthainas gedreht wurden. Der Durchbruch von „Tabou“ schließlich besiegelte die internationale Anerkennung des „neuen“ portugiesischen Kinos. Seitdem hat Miguel Gomes die Nöte seiner Landsleute in „Les Mille et Une Nuits“ (2015) aufgegriffen, einem populistischen Dreiteiler, der mit einer monumentalen Plansequenz im Hafen von Viana do Castelo beginnt. Selten wurde den Arbeitern und Fischern dieser Stadt eine so bewegende Hommage zuteil.

Zu den jüngsten erfreulichen Produktionen aus Portugal zählt zweifellos „Diamantino“ (2018) von Gabriel Abrantes und Daniel Schmidt, benannt nach dem Spitznamen seines Protagonisten. Nämlich dem „ kleinen Diamanten “ der Fußballnationalmannschaft. In diesem Athleten mit antik anmutender Muskulatur und dem (leeren) Kopf eines Schönlings ist natürlich eine Anspielung auf den portugiesischen Star Cristiano Ronaldo zu sehen. Auch unser junger Fußballspieler lebt im Luxus, umgeben von einem liebevollen Vater und zwei zickigen Schwestern, die auf seine Kosten leben und nur Augen für sein Geld haben… Doch dann : Nach einem verschossenen Elfmeter, der im letzten WM-Finale zum Ausscheiden Portugals (gegen Schweden !) führte, verliert Diamantino plötzlich seinen Vater, der vor dem Fernseher an einem Herzinfarkt stirbt… Unser Sportler gerät daraufhin in eine Krise und verkündet in einer Fernsehsendung, er wolle seine Karriere beenden und einen „kleinen Flüchtling“ adoptieren, um es mit seinen Worten zu sagen. So entfernen wir uns vom Stadion und seinen Göttern und tauchen ein in die traurige Intimität eines einsamen jungen Mannes mit der Psyche eines Kindes. Eine Unreife, die im Rahmen dieser abgedrehten Fabel oft urkomisch wirkt, die aber auch gefährlich sein kann, wenn sie allen möglichen Täuschungen und politischer Instrumentalisierung im Dienste nationalistischer Ziele ausgesetzt ist…

„Diamantino“, Gewinner des Großen Preises der Kritikerwoche bei den Filmfestspielen von Cannes, überrascht durch seine Ausgelassenheit, seine Verrücktheit und seine Exzentrik, die aus allem das Beste herausholt. Es ist ein Pop-Film, der genauso gut vom Duo Pierre und Gilles hätte gedreht werden können, die bekanntlich Liebhaber von Kitsch und Queer sind, trotz der ernsten Themen, die darin angeschnitten werden. Durch seine künstlichen Farben, seine unglaublichen erzählerischen Höhenflüge sowie durch seine identitätsbezogenen und existenziellen Themen (Hermaphroditismus, die Suche nach Liebe) weist der Film eine Sensibilität auf, die der von João Pedro Rodrigues nahekommt. Ein ästhetischer Trend, der in jenem Jahr auch in Frankreich mit den Filmen von Yann Gonzales („Un couteau dans le cœur“) und Bertrand Mandico („Les garçons sauvages“) deutlich zu erkennen war. Die Väter dieser filmischen Tradition – unter anderem Jean Genet, Pasolini und Fassbinder – können stolz auf ihre Erben sein.

„Diamantino“ (Frankreich–Portugal–Brasilien, 2018, Originalfassung mit französischen Untertiteln, 96 Min.) wird am Samstag, den 13. November, um 20 Uhr in der Cinémathèque de la Ville
de Luxembourg gezeigt