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Kino 3 Min. Lesezeit

Römische Leidenschaft

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Februar 2022
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„Mamma Roma“ (1962) ist eine grausame und zugleich rührende Geschichte über einen Sohn und eine Mutter, die sich aus den Augen verlieren – ein implizit autobiografischer Spielfilm von Pier Paolo Pasolini. Die Kritiker haben den rebellischen Mut von Susanna Colussi, der Mutter des Filmemachers, nicht ausreichend hervorgehoben, die ihr ganzes Leben lang und oft gegen alle Widerstände ihren ältesten Sohn unerschütterlich unterstützt hat, bis sie schließlich ihren Mann und die Provinz ihrer Kindheit verließ, um ihm in jenem Winter 1950 nach Rom zu folgen, wo sie ihr Familienleben neu aufbauten – in der anonymen Armut der Vororte, die von Unterproletariern bevölkert waren.

Genau diesen Weg, vom Land in die Stadt, beschreitet in diesem Film Anna Magnani (Mamma Roma), um zu Ettore (Ettore Garofolo) zu gelangen, einem orientierungslosen Teenager, der sich (wie so viele Jugendliche aus den Vororten auch heute noch) so sehr langweilt, dass er sich schnell mit schlechten Freunden einlässt, die schon viel mehr Erfahrung haben als er. Der weitere Verlauf ist, wie bei den drei römischen Filmen Pasolinis zu Beginn dieses Jahrzehnts („Accattone“, 1961; „Mamma Roma“, 1962; „La Ricotta“, 1963), unweigerlich tragisch, nach dem Vorbild einer modernen Passion, in der ein Junge wegen eines Autoradio-Diebstahls in einem Krankenhaus gekreuzigt wird – ein dramatisches Leitmotiv, das von Vittorio De Sica und seinem berühmten Film „Fahrraddiebe“ (Ladri di biciclette, 1948) aufgegriffen wurde. Dieser martyrologische Tod ist zudem in doppelter Hinsicht real. Einerseits verweist er auf den Tod des jüngsten Sohnes, Guido Pasolini, im Jahr 1945, der unter beunruhigenden Umständen unter Partisanen am Ende eines Zweiten Weltkriegs mit noch immer unklarem Ausgang erschossen wurde. Ein wahrer Albtraum für die liebenswürdige Susanna, den sie 1975 mit der Ermordung von Pier Paolo ein zweites Mal durchleben musste. Andererseits ist die Geschichte von „Mamma Roma“ von einem damaligen Zeitungsbericht inspiriert, nämlich dem Unfalltod eines in einer psychiatrischen Anstalt zurückgelassenen Jungen…

Nach diesem ersten Ausflug in die männliche und zwielichtige Welt der römischen Borgate und der Prostitution, wie sie in „Accattone“ dargestellt wurde, versucht Pasolini in seinem zweiten Werk, sich davon etwas zu lösen, indem er neue Elemente einführt. Entgegen dem in „Accattone“ vorherrschenden (neorealistischen) Grundsatz, ausschließlich Laiendarsteller zu engagieren, greift Pasolini ausnahmsweise auf einen Star des italienischen Kinos zurück, Anna Magnani, die seit Roberto Rossellinis „Rom, offene Stadt“ (1945) ganz allein die Leiden der römischen Bevölkerung verkörpert. Wo Frauen bisher nur eine Ware waren, die von skrupellosen Zuhältern passiv ausgebeutet wurde, wird Magnani zur schillernden Heldin eines feministischen Widerstands, der sich durch die Kunst des Wortes ausdrückt, lebhaft und bissig, offen und scharfzüngig, deren Pendant man zehn Jahre später bei den Neapolitanerinnen in „Das Dekameron“ (1971) finden wird. Die in „Accattone“ fehlende familiäre Dimension nimmt in „Mamma Roma“ eine besondere Färbung an, auch wenn sie äußerst zweideutig ist: Zwischen Ettore und seiner Mutter gilt vor allem: „Ich liebe dich, ich auch nicht.“ Viele Zuschauer schätzen diesen Film wegen dieser herzzerreißenden familiären Beziehung, die in der Filmografie des Regisseurs relativ neu ist und deren Pathos stets von christlicher Ikonografie durchdrungen ist (zum Beispiel das Motiv der Madonna mit dem Kind). Ebenfalls in „Mamma Roma“ wird der Klerus in seiner ganzen Heuchelei dargestellt, und es werden die modernen Wohnblocks der INA-Casa eingeführt, die für viele ein Versprechen von Komfort und sozialem Aufstieg in einem Italien darstellten, das sich plötzlich dem „Wirtschaftsboom“ zugewandt hatte. Es ist dieser Traum, der verzweifelt durch den fieberhaften Körper von Mamma Roma zieht. Bevor der Verlust ihres Sohnes sie traurig aus diesem künstlichen Paradies zurückholt.

Mamma Roma (Italien, 1962), Originalfassung mit Untertiteln, 105’,
wird am Sonntag, den 13. Februar, um 20 Uhr
in der Cinémathèque der Stadt Luxemburg gezeigt