„Der Nachtportier“ (1974) von Liliana Cavani gehört zu jenen Werken, die in Italien im Namen der Anständigkeit und der katholischen Sitten zensiert wurden. Genau wie „Der letzte Tango in Paris“ (1972) von Bernardo Bertolucci, „La Grande Bouffe“ (1973) von Marco Ferreri oder der berühmte Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“ (1975) von Pier Paolo Pasolini. All diese provokativen Filme entstanden inmitten der politischen Unsicherheit und Instabilität der „bleiernen Jahre“, einer dunklen Periode in der Geschichte der Halbinsel, in der sich im Kino eine gewisse ästhetische Radikalität durchsetzte. Nach Jahrhunderten der Prüderie steht die Epoche nun unter starkem sadistischen Einfluss, wie die auf den Leinwänden reichlich dargestellten sexuellen Perversionen bezeugen…
Im Jahr 1957 treffen sich in der europäischen Hauptstadt der Spionage und der Psychoanalyse ehemalige Nazi-Würdenträger, die sich dem Nürnberger Urteil entzogen haben, heimlich im Hôtel de l’Opéra. Dort arbeitet Max (Dirk Bogarde), ein ehemaliger Sturmbannführer, als Portier – eine Art Tempelwächter, der über die Interessen dieser finsteren Gemeinschaft wacht, die nicht das geringste Schuldgefühl für ihre Kriegsverbrechen empfindet. Schlimmer noch: Diese Nostalgiker des Dritten Reiches organisieren nach Art eines sehr exklusiven Clubs Treffen mit dem Ziel, belastende Zeugen ausfindig zu machen und zu beseitigen, die sie erkennen und ihre wahre Identität enthüllen könnten. Genau das geschieht jedoch an einem Abend, an dem Mozarts „Die Zauberflöte“ aufgeführt wird: Mitten im mondänen Treiben erstarrt eine Amerikanerin, Lucia Atherton (Charlotte Rampling), obwohl sie von ihrem Ehemann begleitet wird, plötzlich beim Anblick von Max. Liebe auf den ersten Blick? Oder eine traumatische Erinnerung? Ein bisschen von beidem, denn Max und Lucia nehmen eine sadomasochistische Beziehung wieder auf, die fünfzehn Jahre zuvor in einem Konzentrationslager (!) begonnen hatte. Er war der Peiniger und sie eine junge Deportierte, die seinen schrecklichen sexuellen Misshandlungen ausgesetzt war. Es ist offensichtlich dieser Aspekt, der bei der Kinopremiere von „Der Nachtportier“ als skandalös empfunden wurde, zumal der Schnitt zwischen verschiedenen Zeitebenen wechselt, um die Kontinuität des Verlangens zwischen diesen beiden Figuren zu offenbaren. Denn wenn der Sadismus der SS außer Frage steht, wie lässt sich dann akzeptieren, dass ein Opfer Lust an den grausamen Handlungen empfindet, denen es ausgesetzt ist? Und wenn dieses Opfer sogar nach mehr verlangt, obwohl es eine Überlebende der Nazi-Hölle ist? Liliana Cavani, die neben Lina Wertmüller und Cecilia Mangini zu den wenigen Filmemacherinnen im Land von Maciste gehörte, liefert hier keinen Schlüssel zur Lösung und überlässt es dem Zuschauer allein, über dieses unergründliche Geheimnis der menschlichen Psyche nachzudenken. Ein philosophischer Nihilismus, den Kameramann Alfio Contini durch eine düstere Farbpalette aus Grau-, Blau- und Grüntönen darstellt, während andere Sequenzen in einer erstickenden, undeutlichen Dunkelheit baden.
Es ist nicht das erste Mal, dass Charlotte Rampling und Dirk Bogarde gemeinsam in einem Spielfilm auftreten, in dem abweichende Sexualitäten sowohl Spiegelbild als auch Symptom der Nazi-Macht sind. Mit „Portier de Nuit“ tritt Liliana Cavani tatsächlich in einen Dialog mit Luchino Viscontis „Die Verdammten“ (1969) und nimmt ein Jahr vor der französischen Adaption von Sade durch Pasolini den Kampf gegen den Massenkonsum und den Handel mit Körpern vorweg, den diese durch die Pornoindustrie ermöglicht („Salò oder die 120 Tage von Sodom“) ermöglicht. Die Maßlosigkeit wird so zur monströsen Form, die Filmemacher bevorzugen, um ihre Angst, wenn nicht gar ihren Widerstand gegen den Neoliberalismus zum Ausdruck zu bringen.
„The Night Porter“ (Italien 1974), Originalfassung mit Untertiteln, wird am Freitag, den 6. August, um 19 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt