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Kino 4 Min. Lesezeit

Reiter der Apokalypse

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Clint Eastwoods „Unforgiven“ (1992), der diese Woche in der Cinémathèque auf dem Programm steht, ist den beiden einzigen Meistern gewidmet, die unser guter alter, desillusionierter Cowboy anerkennt: Sergio Leone (1929–1989) und Don Siegel (1912–1991), die beide bereits einige Jahre vor der Entstehung dieses Films verstorben waren. Wie immer hat Clint sichtlich Spaß daran, die Rolle eines Schurken zu spielen. So sehr, dass er auf der Leinwand zum Antihelden schlechthin geworden ist, wie ihn der Regisseur von „Dirty Harry“ (1971) beschrieb: „Das ist sein Credo im Leben und in allen Filmen, in denen er bisher mitgespielt hat. (…) Er will ein Antiheld sein. Ich habe noch nie mit einem Schauspieler zusammengearbeitet, dem sein Image so wenig wichtig war.“ Je mehr man ihn hasst, desto mehr freut sich Clint – genau wie seine treuen Fans.

„Unforgiven“ bestätigt, wie der Titel schon andeutet, dass Eastwoods Kino im Grunde ethisch geprägt ist. Die Frage nach Gut und Böse steht darin zwar im Mittelpunkt, ist aber stets untrennbar miteinander verflochten, wodurch jeglicher Manichäismus vermieden wird. Wie soll man als barmherziger Samariter leben, wenn man mittellos ist, kein Geld hat oder vom Schmerz zerfressen wird, die geliebteste Person der Welt verloren zu haben? Oft sind seine Protagonisten Ganoven, gewalttätige Männer, wenn sie nicht einfach nur von Bitterkeit zerfressen sind. Sie geben jedoch die Hoffnung nicht auf, wieder auf den rechten Weg zu finden, wozu die Zeit und der Lebensweg beitragen – ein Happy End ist in Hollywood schließlich Pflicht. Wie Sean Penn in „Mystic River“ (2003) oder er selbst in „Million Dollar Baby“ (2004), „Gran Torino“ (2008) und … in „Unforgiven“.

Es ist die Geschichte der unmöglichen Erlösung von Will Munny (Eastwood), einem gefürchteten Killer, der sich seit seiner Begegnung mit Claudia – seiner Frau, die 1878 im Alter von 29 Jahren viel zu früh an den Pocken starb – endgültig zur Ruhe gesetzt hat. Seine Wandlung zur Liebe ist vollendet: Schluss mit Whisky und Mord auf Schritt und Tritt. Im Bundesstaat Wyoming, wo er nun auf einer abgelegenen Farm fernab der Zivilisation lebt, zieht Will seinen Sohn und seine Tochter alleine groß und verhält sich dabei so, als stünde er noch immer unter dem Blick seiner geliebten Frau. In der Demut des Schlamms, inmitten der Schweine, findet man unseren Mann wieder, arm und gealtert. Bis zu dem Tag, an dem ein junger Teufelskerl zu Pferd kam, um ihn abzuholen und ihm vorzuschlagen, einen Strafzug gegen zwei Männer zu führen, die das Gesicht einer Prostituierten verunstaltet hatten. Es sind die solidarischen Frauen aus dem Bordell der Kleinstadt Big Whiskey, die den Lohn für denjenigen bereitstellen, der diejenigen tötet, auf deren Köpfe ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Mehr brauchte es nicht, damit Will wieder in den Dienst trat: Das Geld, so redet er sich ein, wird, sobald es in der Tasche ist, seinen Kindern zugutekommen.

Der Western – ein Genre, dem „Unforgiven“ erst spät zuzuordnen ist – bietet stets tiefgründige Betrachtungen über das Recht, Freiheit oder staatliche Gewalt, wenn diese – wie hier – durch einen brutalen Sheriff verkörpert wird, der zudem selbst ein berüchtigter ehemaliger Bandit ist (der hervorragende Gene Hackman). Die Grenze zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit erweist sich als durchlässig, ja sogar umkehrbar. Ohne Legende und ohne Biograf, im Gegensatz zu den beiden anderen alten Revolverhelden, die ihm im Film gegenüberstehen (Hackman und Richard Harris), reitet Will auf seinem weißen Pferd allein durch die Nacht der Geschichte. Niemand wird von seinen Taten berichten – das wünscht er sich übrigens auch gar nicht. Durch die vielen Ungerechtigkeiten gegen seinen Willen zum Rächer geworden, ruft er laut unter einem rachsüchtigen Regen, in einer fieberhaften Dunkelheit, in der die amerikanische Flagge hinter ihm weht: „&Ihr solltet Ned besser ordentlich begraben! Und hört auf, die Huren zu verprügeln oder zu verletzen! Sonst komme ich zurück und mache euch alle, ihr Mistkerle, platt!“ In dieser Geschichte von kleinem Penis und großen Narben entpuppt sich Clint als der unversöhnliche, gequälte Mann. Alles brennt nieder, wo er vorbeikommt. Ein böses Ende also, letztendlich.

„Unforgiven“ (USA 1992), Originalfassung mit französischen Untertiteln + Deutsch, 130’, wird am Dienstag, den 28. September, um 19 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt