Ganz im Sinne der Filmreihe, die er hier nahtlos fortsetzt, ist der dritte Teil der von James Cameron konzipierten, geschriebenen und inszenierten Saga von tiefgreifenden und unausweichlichen Widersprüchen durchzogen: eine schwer zu entschlüsselnde Gleichung und ein Drehbuch, das wie ein Symptom des heutigen post-postmodernen Hollywoods wirkt. Um diese Widersprüche zu ergründen, schlagen wir dem Leser eine kleine Gedankenspielerei vor. Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie befänden sich am Set des neuesten „Avatar“-Films: Vor Ihnen steht ein halbnackter Schauspieler, der mit den für die Motion-Capture-Aufnahme notwendigen Sensoren bedeckt ist, und um ihn herum erstreckt sich ein riesiger Green Screen. Kein visueller Anhaltspunkt, keine Spur von der Wunderwelt, die sich dem Zuschauer im Endprodukt offenbaren wird: ein abstraktes, vollständig synthetisches und gänzlich entmaterialisiertes Kino, das der reinen technologischen Avantgarde zuzuordnen ist. Praktisch nichts von dem, was wir auf der Leinwand sehen, trägt die direkte fotografische Spur dessen, was unmittelbar von der Kamera erfasst wurde.
Und doch ähnelt „Avatar“ bei genauerem Hinsehen auf beunruhigende Weise dem Kino der Anfänge: nicht dem Stummfilm der 1920er Jahre, dessen Sprache bereits ausgereift und erzählerisch komplex war, sondern den Märchenfilmen von Georges Méliès oder Segundo de Chomón. Der Mann auf dem Mond, der Trick des Zauberkünstlers. Noch bevor die Geschichte beginnt, wird der Zuschauer eingeladen, sich an einer Beschreibung zu erfreuen: pures Staunen, echte Verzauberung. Die Anfänge des Kinos als Maschine des Staunens.
„Avatar“ bewegt sich somit auf Darstellungsebenen, die zugleich hochmodern – die CGI (Computer-Generated Imagery) – und archaisch – die zirkusartige Form des Zaubertricks – sind. Ein Markenzeichen, das James Camerons Kino sofort erkennbar macht und seinen Schöpfer, den Regisseur von „Terminator“ oder „Titanic“, auf seine Weise zu einer schwer fassbaren Figur werden lässt: Träger einer starken, zutiefst persönlichen und somit durch und durch autorenbezogenen Poetik, ist Cameron zugleich der Verfechter eines Kinos, das als Industrie, als kollektive Anstrengung und als Konsumgut konzipiert ist. Eine spektakuläre Demonstration der Feuerkraft Hollywoods.
Diese Dialektik zwischen Kontemplation und kommerzieller Ausbeutung, Kunst und Ware, Individuum und Industrie wird innerhalb des Universums der Saga symbolisch vervielfacht – in einem Spiel mit Spiegeln, das „Avatar“ eine Dimension der Mise en abyme verleiht. Getragen von einem relativ dünnen Handlungsfaden – umso mehr angesichts ihrer Länge – dreht sich die Saga vollständig um die Kolonisierung eines „unberührten“ Planeten, der von indigenen Völkern bewohnt wird, die in vollkommener Harmonie mit der Natur leben. Aufbauend auf der wertvollen Arbeit des Worldbuilding aus den vorherigen Teilen konzentriert sich „Fire and Ash“ insbesondere auf die Irrungen und Wirrungen von Jack Sully, einem „Verräter“ an seiner eigenen Spezies, der von seinen ehemaligen Marine-Kameraden gejagt wird, und greift dabei voll und ganz die ökologische und antikolonialistische Botschaft auf, die das gesamte Franchise prägt. In dieser Hinsicht ist James Cameron ein literarischer Autor, didaktisch bis zur Pedanterie: Die Schmährede gegen die menschliche Gier und die Liebeserklärung an die Natur werden laut und deutlich verkündet, wenn auch um den Preis krasser Vereinfachungen.
Und doch kann sich Camerons Appell einmal mehr nur dialektisch im Verhältnis zu seinem eigenen Produktions- und Rezeptionskontext entfalten: Schon im ersten Teil, der oft mit „Pocahontas“ verglichen wird, präsentiert sich „Avatar“ als antikolonialistische Saga ; ein echtes Paradoxon, da sie im Rahmen einer hegemonialen und imperialistischen Kulturindustrie konzipiert und realisiert wurde. Noch vor der Eröffnungssequenz des Films erkennt der Zuschauer das Logo des Giganten 20th Century Fox, der 2018 vom Megakonzern Walt Disney Studios übernommen wurde. Ein Bedeutungskurzschluss, der die Filmreihe in einen Bereich tiefer politischer Zweideutigkeit drängt: „Avatar“ ist ein primitivistisches Epos, verkündet von einer der mächtigsten Agenturen der Kolonisierung der Vorstellungswelt des letzten Jahrhunderts.
Das Naturbild, das als wahrer Protagonist des gesamten von Cameron geschaffenen narrativen Ökosystems fungiert, ist von denselben unerschöpflichen Spannungen durchzogen. Vor der Invasion durch die Menschen präsentiert sich der Planet Pandora dem Zuschauer als unberührte und friedliche Landschaft: Die Ureinwohner, die eine animistische und pantheistische Weltanschauung vertreten, leben in Harmonie mit ihrer Umwelt, in einem Kontinuum, das alle Lebewesen umfasst. Die Ästhetik entspringt hier der Ethik: Die Schönheit von Pandora zu feiern bedeutet, eine uralte Lebensweise zu heiligen, die den Mythos vom „edlen Wilden“ heraufbeschwört. Während der erste Film der Saga das Element Erde verherrlichte und der zweite die Wasserwelt, legt diese dritte Episode den Schwerpunkt auf das Element Feuer; in jedem Fall bleibt die Natur die Triebkraft dieses „wunderbaren Spektakels“, mit dem wir diese Betrachtung eingeleitet haben.
Gleichzeitig ist Pandora ein offensichtlich künstliches Universum. Kehren wir noch einmal kurz zu dem riesigen Green Screen zurück: Die von Cameron gepriesene Natur hat weder einen Geruch noch eine haptische Konsistenz; sie besitzt zwar die hyperrealistische Textur des Pixels, hinterlässt aber keinerlei materielle Spuren. Ein Oxymoron in den Begriffen „künstliche Natur“. Im Mittelpunkt der Handlung von „Fire and Ash“ steht vor allem die Kontrolle über Schusswaffen: Die im Titel angedeutete Flamme ist nicht die Lava eines Vulkans, sondern der Donner, der in den Gewehren widerhallt. Die auf Pandora verbreitete Technologie des Schießpulvers zerstört unwiderruflich die Harmonie zwischen den indigenen Völkern und vertreibt die Na’Vi aus ihrem ursprünglichen Paradies. Und gleichzeitig ist es genau diese Technologie, die es Cameron ermöglicht, „Avatar“ zu einem so grandiosen Spektakel zu machen.
Angetrieben von gegensätzlichen Kräften präsentiert sich James Camerons Ökologismus als ein ideologisches System sui generis: Als Technologe und Umweltaktivist, aber auch als glühender Verfechter der Kraft der Bilder scheint sich Cameron an der Schnittstelle zwischen Positivismus und Spiritualismus zu positionieren. Als Prometheus der Technik und glühender Verfechter des Mythos vom technologischen Fortschritt schließt der Regisseur einen metaphysischen Horizont in seiner Vision nicht aus – die bewegendste Szene in „Fire and Ash“ greift die biblische Episode vom Opfer Isaaks wieder auf. Für den Schöpfer von „Avatar“ entspringen Natur und Kultur einfach demselben Geist und können gleichermaßen Teil einer panischen Verschmelzung mit dem Universum sein. Eine ökologische, artenübergreifende Gemeinschaft, die über die christliche Eucharistie hinausgeht. Ob man ihn nun mag oder nicht: Cameron ist zweifellos der überzeugendste Prophet des Transhumanismus.