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Kino 3 Min. Lesezeit

Poetisches Kino

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Februar 2022
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Jean Cocteau (1889–1963) war zugleich Dichter, Dramatiker, Maler und Förderer der Avantgarde in Frankreich durch das Festival du Film maudit in Biarritz – und zudem ein genialer Filmemacher. Inspiriert vom Märchen von Madame Leprince de Beaumont ist „Die Schöne und das Biest“ (1946) sein zweiter Spielfilm nach „Das Blut eines Dichters“ (1930). Schon der Prolog verlangt vom Zuschauer ein Höchstmaß an Unbefangenheit. Die Rückkehr in die Kindheit ist die unabdingbare Voraussetzung, um in die Welt des Wunderbaren einzutauchen.

Getreu seinem poetischen Ansatz im Kino verwandelt Cocteau die Realität. Wie ein Zauberer verlangsamt er die Zeit, verwandelt Tränen in Diamantperlen und haucht leblosen Gegenständen Leben ein – den Statuen und Kerzenleuchtern, die das Anwesen des Biests schmücken. Unzählige Einfälle hat Cocteau während der Dreharbeiten entwickelt, wie etwa diese prächtige Kamerafahrt, die mit Hilfe eines Rollbretts realisiert wurde, als Belle (Josette Day) zum ersten Mal das Anwesen des großherzigen Tieres betritt. Noch heute ist die Inszenierung von erstaunlicher Modernität, bis hin zum kontrapunktischen Einsatz der Musik von Georges Auric. Der surrealistische Einfluss zeigt sich in der Durchlässigkeit zwischen Traum und Wachzustand, aber auch in einer Drehmethode, bei der Zufall und Unvorhergesehenes zu kreativen Zwängen werden. Cocteau erinnerte sich an seine Erfahrungen bei „Das Blut eines Dichters“ und „Die Schöne und das Biest“ und gab folgendes zu: „Ich wusste nichts. Ich lernte das Handwerk um jeden Preis und glaubte, es so anzuwenden, wie man es üblicherweise ausübt. So gelten viele Fehler als Glücksgriffe. Charlie Chaplin ist der Ansicht, dass die Figur, die sich in einer ‚amerikanischen Einstellung‘ bewegt und deren Bewegung in der Nahaufnahme wieder von vorne beginnt, anstatt zu enden, ein Glücksgriff ist. […] Fehler und Zufälle erweisen uns oft einen Dienst“ (Jean Cocteau, Entretiens sur le cinématographe).

Der Kontrast zwischen der Hässlichkeit des Biests und der Schönheit von Avenant – die beiden unglücklichen Liebschaften von Belle, dargestellt vom einzigartigen Jean Marais, dem damaligen Lebensgefährten von Cocteau – wird sich schließlich in der Schlusssequenz auflösen. Als Avenant stirbt, gelingt es dem Biest, Belles Herz zu erobern, und es offenbart sich in Gestalt eines verführerischen Prinzen (wieder einmal Jean Marais). Diese filmische Poesie sollte einen großen Einfluss auf zwei Meister der Zeit und der Träume ausüben, insbesondere auf David Lynch und Andrej Tarkowski. Die in Zeitlupe gefilmte Druckerei-Sequenz in *Le Miroir* (1974) erinnert an Belles Lauf durch das Schloss. Der amerikanische Filmemacher wiederum konzentriert sich vor allem auf die plastische Dimension von Cocteaus Film, vom Make-up der Kreatur bis hin zu den barocken Kulissen, die von Christian Bérard und Lucien Carré entworfen wurden. Ein solcher Einfluss zeigt sich insbesondere in Filmen wie „Eraserhead“ (1977) oder „Der Elefantenmensch“ (1980).

„Die Schöne und das Biest“ von Jean Cocteau (Frankreich, 1946), Originalfassung mit französischen Untertiteln, 96 Min., wird am Freitag, den 4. Februar, um 18:30 Uhr in der Cinémathèque de la Ville du Luxembourg gezeigt