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Kino 3 Min. Lesezeit

Meister-(Ent-)Zauberer

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Februar 2022
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„Blackmail“ (Erpressung, 1929) ist Hitchcocks erster Ausflug in das Reich des Tonfilms, nachdem „The Jazz Singer“ (Alan Crosland, 1927) in den Vereinigten Staaten einen überzeugenden Erfolg gefeiert hatte und schließlich diese neue technische Errungenschaft weltweit durchsetzen sollte. Auch wenn der Film des berühmten britischen Regisseurs nicht ganz so ausgereift ist wie „Der blaue Engel“ (1930) von Josef von Sternberg, der zur gleichen Zeit in Deutschland gedreht wurde, so verfügt er doch über Qualitäten, die in vielerlei Hinsicht die Meisterwerke seiner Reifezeit vorwegnehmen, zu denen insbesondere „Psycho“ (1960) und „Vertigo“ (1958) zählen. So kommt es, dass das erneute Anschauen von „Blackmail“ gleichbedeutend ist mit dem Aufspüren der Keime eines Versprechens der Modernität.

Zunächst wird Hitchcocks Vorliebe für den Krimi deutlich, mit dem seine gesamte Filmografie letztendlich gleichgesetzt wird, ganz zu schweigen von den literarischen und fernsehlichen Adaptionen (Alfred Hitchcock präsentiert…) zu denen er maßgeblich beigetragen hat, indem er seine eigenen Filmproduktionen inszenierte. Diese ungebrochene Faszination für dieses Filmgenre offenbart eine obsessive Persönlichkeit. Davon wird man umso mehr überzeugt, wenn man einen Blick auf die Handlung von „Blackmail“ wirft, in dem eine junge Frau (die blonde Alice im Stil der Belle Époque, gespielt von der Tschechin Anny Ondra) den Ausgangspunkt einer erotischen Leidenschaft bildet, die in Blut ertrinken wird… Zu Beginn der Erzählung ist die junge Frau besonders redselig und verführerisch, so sehr, dass sie ihren Liebhaber (Frank, einen Detektiv bei Scotland Yard) vorübergehend vernachlässigt, um sich an die Seite eines durchreisenden Künstlers zu begeben; doch je mehr ihre kriminelle Verwicklung ans Licht kommt, desto schweigsamer wird sie. Es fällt schwer, in diesem Erzählschema nicht das Thema der weiblichen Schuld zu erkennen (verfluchte Eva aus der Genesis!), einen alten biblischen Hintergrund, vor dem sich die meisten Fabeln des Meisters der Spannung abspielen, der nur dem Anschein nach modern ist. Von „Blackmail“ bis „Psycho“ bleibt das Messer das bevorzugte Tatwerkzeug, während dieselben schwindelerregenden Blickwinkel (eine Treppe, die aus starker Vogelperspektive gezeigt wird) dazu dienen, den Ort des Dramas zu kennzeichnen. Ein Verhältnis zum Raum, das sich voll und ganz in den Szenen im British Museum ausdrückt, an dessen Spitze die Handlung ihren Höhepunkt findet und dessen ägyptische Antiquitäten mit ihren Sarkophagen und Mumien das unausweichliche Schicksal eines flüchtenden Unschuldigen vorwegnehmen. Wie in Kafkas „Der Prozess“ werden nicht unbedingt die Schuldigen verfolgt.

Eine weitere Obsession, diesmal bildlicher Natur: das kreisförmige Motiv, das sich von Film zu Film zieht, vom Fernglas, durch das man in „Das Fenster zum Hof“ (1954) die Realität wahrnimmt, bis hin zum spiralförmigen Dutt von Madeleine (Kim Novak) in „Vertigo“. Gleich zu Beginn von „Blackmail“ wird ein sich mit hoher Geschwindigkeit drehendes Rad in den Vordergrund gerückt, bevor es mit einem mit hoher Geschwindigkeit fahrenden Polizeiwagen in Verbindung gebracht wird. Man denkt an den Kreislauf von Leben und Tod, der die Verbrecher mit ihren Opfern verbindet, aber auch an das mechanische Auge der Kamera, deren Objektivität durch die fantasmatischen Visionen der Figuren ständig getrübt wird. Die Malerei, die sowohl in „Vertigo“ als auch in „Blackmail“ – wo die Figur des Künstlers eingeführt wird – präsent ist, ist ebenfalls eine Oberfläche, die sich für alle Arten von imaginären Projektionen eignet. Weitere schöne Einfälle durchziehen die Erzählung und bestätigen die Einzigartigkeit des Autors: schon ein inkognito in einen Bus geschlüpfter Gastauftritt, ein Tonübergang, der aus einem Schrei herausführt, ein Paravent, der die Komposition wie ein Split Screen unterteilt….

Als begnadeter Geschichtenerzähler und genialer Künstler ist Hitchcock einer der wenigen Filmemacher, denen es gelungen ist, das Erzählen von Geschichten mit den von der Avantgarde übernommenen formalen Experimenten zu verbinden. Dafür sei ihm auf ewig gedankt.

„Blackmail“ (1929, Großbritannien), 87 Min., Originalfassung mit französischen Untertiteln, wird am Freitag, den 18. Februar, um 18:30 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt