BREAKING NEWS Lancement du nouveau site internet du Land S'abonner →
Kino 9 Min. Lesezeit

Fokus Polen: Die Gegenwart im Wandel

Beim CinEast definiert eine Reihe von Filmen die Lebendigkeit des polnischen Kinos neu

Erschienen in Ausgabe Oktober 2025
Artikel teilen auf

„The Altar Boys“ von Piotr Domalewski © Next Films

Das CinEast-Festival, eine einfühlsame Bestandsaufnahme des mittel- und osteuropäischen Kinos, festigt seine Identität und begnügt sich nicht damit, einfach nur Filme zu präsentieren, sondern schafft vor allem Rahmenbedingungen mit Diskussionen, Konzerten, Ausstellungen und Solidaritätsaktionen. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf Polen, mit einem besonders umfangreichen Programm: rund fünfzehn Spielfilme, ein Kurzfilmprogramm, Fachtreffen und mehrere Konzerte, begleitet von hochkarätigen Gästen, darunter Małgorzata Szumowska, Eliza Kubarska und Kasia Adamik, der Tochter von Agnieszka Holland, sowie dem Kameramann und Drehbuchautor Michał Englert. Das Programm besticht nicht nur durch seine Umfangreichheit, sondern zielt auch darauf ab, eine Vielzahl von Erzählstilen in Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilmen zu zeigen und dabei Geschichte und Erinnerung in vielfältigen formalen Neuinterpretationen zu verknüpfen.

Die 18. Ausgabe hat sich den Begriff „Disruptions“ zum Leitmotiv gemacht, der als Prisma für politische Beschleunigungen verstanden wird, die soziale Brüche, aber auch die Neugestaltung von Erzählungen offenbaren. Diese Logik der Reibung durchzieht auch den Schwerpunkt auf Polen mit neu interpretierten historischen Filmen, Porträts renommierter Künstler, aber auch zeitgenössischen sozialen Spielfilmen und Blicken von außen. Diese Struktur ergänzt sich gegenseitig und zeichnet so ein vielschichtiges und dynamisches Bild.

Die Schwerpunkte des Festivals betreffen sowohl die Erinnerung als auch den Körper und die Räume – sowohl geografische als auch mentale. Das Festival wurde mit einem polnischen Film als Aushängeschild eröffnet: „Chopin, A Sonata in Paris“ von Michał Kwieciński (internationale Premiere), ein ambitioniertes Biopic mit großem Budget. Es handelt sich um ein Werk, das sowohl dem Kulturerbe gewidmet als auch populär ist und eine fast schon heilige Figur in eine entschieden zeitgenössische, romanhafte Dramaturgie einbettet.

Die beiden Spielfilme „The Altar Boys / Ministranci“ von Piotr Domalewski und „Winter of the Crow“ von Kasia Adamik schaffen eine Dialektik zwischen nationaler Erinnerung und politischem Thriller. Bei Kasia Adamik wird die Rückkehr ins Polen des Jahres 1981, mit der Verhängung des Kriegsrechts und seinem Unterdrückungsapparat, in einer Geschichte voller Verfolgungsjagden und Angst erlebt. Die an den Film noir angelehnte Form verschiebt den Schwerpunkt: Wie rekonstruiert der heutige Blick die Vergangenheit und ihr Archiv? Für Piotr Domalewski, einen Filmemacher, der den unteren Schichten große Aufmerksamkeit schenkt, wird die moralische Frage durch eine Entwicklungsgeschichte aufgegriffen, die in einem institutionellen System verhaftet ist. Diese Filme knüpfen an eine polnische Tradition an, die große Geschichte auf eine menschliche Ebene zu bringen – von Andrzej Wajda bis zur Generation nach 2000 –, wobei sie die Mehrdeutigkeit der Situationen den feststehenden Thesen vorziehen.

Der Dokumentarfilm-Teil setzt dieses Erinnerungsprojekt durch die Vermittlung bedeutender Persönlichkeiten fort. In „Wanda Rutkiewicz. The Last Expedition“ von Eliza Kubarska begibt sich die Regisseurin auf die Spuren dieser Bergsteigerin, die vor dreißig Jahren im Himalaya verschollen ist. Damit greift sie den Mythos einer Pionierin des Alpinismus auf, der zwischen Empowerment und tragischer Romantik angesiedelt ist. „Abakamania“ von Róża Fabjanowska und Sławek Malcharek beleuchtet das meisterhafte skulpturale Textilwerk (Fiber Art) der weltberühmten Künstlerin Magdalena Abakanowicz, von der derzeit ein Werk im Gebäude des Europäischen Gerichtshofs in Kirchberg ausgestellt ist. Der Dokumentarfilm zeigt anschaulich, wie eine Poetik der Materie und der Fasern zur Gegenerzählung des sozialistischen Realismus sowie zur Matrix zeitgenössischer Erfahrungen werden konnte. Auch hier ist die Erinnerung fast schon performativ, da sie sich auf die ästhetische Gegenwart stützt.

Das Programm umfasst auch Beiträge, in denen der Körper zum Schauplatz politischer und intimer Auseinandersetzungen wird. „Chopin, A Sonata in Paris“ macht Krankheit und Virtuosität zur Triebkraft eines spät-romantischen Dramas. Am anderen Ende des Spektrums bietet „Letters from Wolf Street“ von Arjun Talwar einen Blick von außen auf das heutige Polen. Der Film hinterfragt die Art und Weise, wie man in einem Land lebt, und zwar über den Umweg des dokumentarischen Essays. Der eindeutig kuratorische Ansatz von CinEast stellt diese Intensitäten der großen Erzählung einerseits und der Mikrobeobachtung andererseits einander gegenüber. So bringt er die Vielfalt der Sichtweisen zum Vorschein.

Das polnische Programm erweitert die Räume und kartografiert die Realität weit über geografische Grenzen hinaus. So entdeckt man beispielsweise das verschneite Warschau des Jahres 1981, das Atelier einer Künstlerin, die sich ihrer Zeit und der gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen bewusst ist, sowie den Himalaya und die Straße, die wie ein Tagebuch gefilmt wurde. Auf der Ebene des Festivals entfaltet sich diese Topografie in einer offensichtlichen und konkreten transnationalen Bewegung: „Winter of the Crow“ ist eine Koproduktion mit Luxemburg (Iris Productions) und den Vereinigten Staaten, während „Whispering Forest“ (über den Białowieża-Urwald, ebenfalls Iris Productions) eine Brücke zwischen Ökologie, Ritualen, aber auch künstlerischen Praktiken schlägt.

Das „Best of Polish Shorts“ ist eine Zusammenstellung von Geschichten in verschiedenen Formen. Die Auswahl eines gemeinsam mit der Krakow Film Foundation zusammengestellten Kurzfilmprogramms reicht von Krzysztof Kieślowski und dem umstrittenen Roman Polanski bis hin zu Marta Pajek und Damian Kocur. Es ist ein Geniestreich der Filmpädagogik. In einer einzigen Vorführung kann das Publikum mitverfolgen, wie sich eine Genealogie der filmischen Gesten entfaltet – vom Surrealismus über die institutionelle Beobachtung bis hin zum plastischen Experimentieren. Bei den jüngeren Autorinnen und Autoren fällt zudem eine wirtschaftliche Effizienz auf, die jedoch keineswegs auf Ambitionen verzichtet: man findet hier Animation, sensorische Dokumentarfilme und extrem komprimierte Fiktion. Diese Montage von Epoche zu Epoche ermöglicht es zu verstehen, wie sich die polnische formale Kühnheit, die lange Zeit allein auf Metaphern beschränkt war, in den letzten Jahren hin zu einer sozialen und wirklich körperlichen Direktheit verschoben hat.

Der Fokus auf Polen beschränkt sich nicht nur auf die Kinosäle. Zwei Konzerte, darunter das intime Projekt des Duos Pawlik & Pawlik mit dem luxemburgischen Schlagzeuger Jeff Herr, entführen das Publikum in die Welt der Musik und lassen die weltweit anerkannte polnische Jazztradition erklingen. Die Meisterklassen – Małgorzata Szumowska und ihr Mitarbeiter Michał Englert im Anschluss an ihren Dokumentarfilm „All Inclusive“ –, die Begegnungen mit Produzenten, darunter die in Luxemburg ansässige Katarzyna Ozga, sowie die „ Polish Night“ bieten einen Raum für Wissensvermittlung und Networking, der sowohl für die Zuschauer als auch für die lokale Fachszene von Nutzen ist.

Seit 2022 widmet CinEast dem ukrainischen Kino kontinuierlich Aufmerksamkeit. Auch die Ausgabe 2025 sieht wieder ein spezielles Programm vor (Dokumentarfilme, Filmkonzert, öffentliche Diskussion unter Beteiligung von Ministerin Yuriko Backes und der Filmemacherin und Soldatin Alisa Kovalenko). Dieser Fokus ist nicht nebensächlich. Er stellt den Schwerpunkt auf Polen in einen neuen Kontext einer Kartografie nach der Invasion, in der Mittel- und Osteuropa sowohl Trennlinien als auch Solidarität aufweist. In gewisser Weise wird Polen – als Grenzland, Aufnahme- und Logistikzentrum – zu einem der möglichen Spiegelbilder dieser regionalen Spannungen. Auch die vorgestellten Filme, seien sie historisch oder zeitgenössisch, lassen sich in diesem Licht lesen.

Die Stärke dieser Ausgabe liegt nicht nur darin, Polen zu „zeigen“, sondern auch darin, seine Bruchlinien aufzudecken, indem Gegenperspektiven (ukrainisches Programm, öffentliche Debatten), Kontrapunkte (Konzerte, Ausstellungen) und Kontinuitäten (Kulturerbe und Kurzfilme) zu schaffen. Das Programm bestätigt, dass das zeitgenössische polnische Kino ebenso sehr eine Praxis der Neugestaltung – von Archiven, Genres, Erzählungen – ist wie eine Politik des Sinnlichen, die Komplexität akzeptiert: die historische Tragik und die Ironie, das Romanhafte und der Essay, der Heroismus und der Zweifel.

In diesem Programm dienen die Highlight-Filme als Einstieg, doch der eigentliche Mehrwert liegt in der Vielschichtigkeit des Programms mit Künstlerdokumentationen, ausländischen Perspektiven, historischen und aufstrebenden Kurzfilmen sowie populären Komödien. Das Ganze ergibt ein vielstimmiges Porträt Polens, bei dem die Frage nicht lautet: „Wer spricht?“, sondern: „Was verändert sich, wenn man spricht?“.

Wenn man diesen Schwerpunkt schließlich in den Kontext der Festivalgeschichte einordnet, wird deutlich, dass CinEast in Luxemburg zu einer wahrhaft beziehungsorientierten Institution geworden ist – zu einem Höhepunkt, bei dem das Kino nicht nur Konsumgut ist, sondern ein gesellschaftliches Ereignis, das Ideen, künstlerische Praktiken und Sprachen in Umlauf bringt. Es handelt sich dabei tatsächlich um ein öffentliches Labor des Blicks.

Abgesehen von dem Ereignis, für das es sich wirklich lohnen würde, sich extra freizunehmen, zeigt der polnische Schwerpunkt von CinEast, dass es keine homogene polnische Schule gibt, sondern eine Vielzahl von Strömungen, die die Lebendigkeit des polnischen Kinos neu definieren. Nach einer Phase von 2015 bis 2023, die von politischen Spannungen und Debatten über kulturelle Institutionen geprägt war, versuchen die Filmemacher heute einen ganz besonderen doppelten Wandel. Einerseits setzen sich einige frontal mit politischen Themen auseinander – mit der Erinnerung an die 1980er Jahre, dem großen Einfluss eines ganz besonderen, politisch geprägten Katholizismus und den gesellschaftlichen Reformen. Andererseits zeichnet sich eine Rückbesinnung auf persönliche Erzählungen ab, mit Künstlerporträts, aber auch Familienchroniken und Genrefilmen – vom Thriller bis zur Komödie –, die oft eine größere internationale Verbreitung finden. Der Vergleich zwischen „Winter of the Crow“ und „In-Laws 3“ verdeutlicht diese Vielseitigkeit des polnischen Kinos, das gleichzeitig verschiedene Zielgruppen anspricht.

Der polnische Dokumentarfilm hingegen bewahrt sich eine bemerkenswerte Innovationskraft. Er steht in der Tradition der Beobachtung und Archivierung, öffnet sich nun aber auch subjektiveren Formen, vom intimen Essay bis zum filmischen Tagebuch, einer „Archäologie“ der Künstler und einer abenteuerlichen Erkundung. Die Kamera wird zu einer fast körperlichen Präsenz, indem sie sowohl den Blick des Autors als auch den des Zeugen einnimmt. Die in Luxemburg vorgestellten Filme von Drygas, Kubarska, Fabjanowska/Malcharek oder Talwar bieten ein eindrucksvolles Spektrum davon, während das „Best of Polish Shorts“ daran erinnert, wie diese Entwicklung in eine längere Geschichte eingebettet ist.

Die zentrale Rolle der Frauen – Regisseurinnen und Produzentinnen – prägt auch die aktuelle Filmlandschaft. Von Małgorzata Szumowska bis Agnieszka Holland, von Agnieszka Smoczyńska bis Jagoda Szelc oder Anna Zamecka: Die Werdegänge dieser Frauen verändern sowohl die Formen als auch die Erzählungen. Es geht nicht um „weibliche“ Themen, sondern um eine Umkehrung der Blickwinkel, eine Vermischung der Stilrichtungen und eine Flexibilisierung der Produktionsmodelle, insbesondere durch europäische Koproduktionen und Labore. Die Hervorhebung von Künstlerinnen wie Magdalena Abakanowicz in „Abakamania“ ist Teil dieser symbolischen Neupositionierung.

Schließlich beflügelt die nach wie vor lebendige Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe das zeitgenössische Schaffen. Die jüngsten Neuverfilmungen – von Krzysztof Kieślowski bis Zbigniew Rybczyński – sind mehr als nur eine Hommage; sie bieten den Zuschauern klare Anhaltspunkte, um diese Gesten der Gegenwart zu deuten.

Die zahlreichen Koproduktionen verankern dieses Kino in einem gemeinsamen europäischen Raum. Projekte wie „Winter of the Crow“ (Polen/Luxemburg/USA) oder „Whispering Forest“ (Luxemburg/Frankreich, gedreht in Polen) zeugen von einer Dynamik des kreativen Austauschs. CinEast fungiert somit als Ort der Begegnung und des Dialogs und offenbart ein facettenreiches, lebendiges und auf interessante Weise dezentriertes polnisches Kino.