Es ist zweifellos das kulturelle Highlight der Woche: Abel Ferrara zu Gast in der Cinémathèque du Luxembourg, um dort sowohl eine Masterclass zu leiten als auch eines seiner jüngsten Werke vorzustellen. „Tommaso“ handelt von einem Regisseur auf der Suche nach Widerstandskraft – ganz im Sinne der männlichen Hauptfiguren seiner Filme. Diese Programmgestaltung ist umso bedeutender, als dieser doppelte Auftritt des Italo-Amerikaners mit dem zweiten Teil der Pier-Paolo-Pasolini-Retrospektive zusammenfällt. Wie bekannt ist, widmete Ferrara Pasolini 2014 einen Film, der ebenfalls im Programm steht.
Ferraras Spielfilm, der schlicht „Pasolini“ betitelt ist und die Form eines Porträts annimmt, beeindruckt vor allem durch die meisterhafte Darstellung von Willem Dafoe, Ferrara Lieblingsschauspieler, den man auch in „Tommaso“ wiederfindet. Mit schwarzer Brille auf der Nase, Lederjacke über den Schultern und messerscharf gezeichneten Gesichtszügen spielt Willem Dafoe nicht einfach nur eine Rolle: Er verkörpert Pasolini tatsächlich. Die Ähnlichkeit ist verblüffend für alle, die bereits Fotos des italienischen Künstlers gesehen haben. Auf dieser bemerkenswerten Darbietung beruht zum großen Teil die Qualität von Ferrara’s Spielfilm. Die Besetzung hält darüber hinaus einige schöne Überraschungen bereit. So entdeckt man dort Ninetto Davoli, zwar schon betagt, der einst Pasolinis Liebhaber und Lieblingsschauspieler war. Ebenfalls aus dem engen Umfeld des italienischen Filmemachers hat Ferrara Adriana Asti engagiert, eine Schauspielerin, die unter anderem in Filmen von Pasolini („Accattone“, 1961) und Bertolucci („Prima della Rivoluzione“, 1964) mitwirkte. Sie spielt hier Susanna Colussi, Pasolinis Mutter. Die übrigen Rollen werden von in Italien bekannten Schauspielern übernommen, die jedoch einer deutlich jüngeren Generation angehören und keine direkte Verbindung zum Dichter und Filmemacher haben. In Zusammenarbeit mit dem Pasolini-Kreis wurde umfangreiche Recherchearbeit geleistet: Dacia Maraini, der wir kürzlich ein schönes Werk zu diesem Thema verdanken (Caro Pasolini, 2022). Aber auch der Schriftsteller Walter Siti, der für die Herausgabe der gesammelten Werke von PPP verantwortlich ist, sowie Marco Tullio Giordana, den die Cinémathèque erst letzten Monat eingeladen hatte, seinen Film (Pasolini, Tod eines Dichters, 1995) vorzustellen, oder auch David Grieco, der ebenfalls seine eigene Hommage an PPP gedreht hat (La Macchinazione, 2016).
Das vielleicht Bewegendste daran ist, dass Ferrara diesem Film Gestalt verleiht, indem er Pasolinis letzte Tage mit den von ihm unvollendet hinterlassenen Projekten verwebt. Projekte, an denen er arbeitete, als er in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 am Strand von Ostia ermordet wurde. Kenner seines Werks werden das Drehbuch zu „Porno-Théo-Kolossal“ wiedererkennen oder auch Auszüge aus „Pétrole“, einem Roman mit hochpolitischem Thema, der auf Notizen basiert und posthum veröffentlicht wurde. Für diejenigen, die mit diesem ebenso produktiven wie facettenreichen Schaffen nicht vertraut sind, mögen die erzählerischen Übergänge vielleicht zusammenhanglos erscheinen oder gar wie endlose Abschweifungen wirken… Sie können sich jedoch stets auf die charismatische Figur des Dafoe-Pasolini stützen, den roten Faden, der unweigerlich zu einer makabren Nacht führt, am Abend von Allerheiligen, dem Fest der Toten… Ferraras Hommage ist somit zugleich ein Film über Pasolinis Leben, ein Film, der sich aus Fragmenten mehrerer seiner Werke zusammensetzt, und gleichzeitig wird Ferrara zu Pasolini, indem er das verwirklicht, was der Meister zu Lebzeiten nicht vollenden konnte. Mehr als fünfundvierzig Jahre nach den Ereignissen sind die Namen der Täter bis heute unbekannt. Gesucht!
Pasolini (2014, Originalfassung mit französischen Untertiteln, 84’), von Abel Ferrara, wird am Mittwoch, dem 30. November, um 21 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt, zuvor läuft um 18:30 Uhr „Das Evangelium nach Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini