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Kino 3 Min. Lesezeit

L.A. geht unter

Cinemasteak

Erschienen in Ausgabe Juni 2023
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Am Rande von Los Angeles wird der Leiter der städtischen Wasserbehörde, Hollis Mulwray, mitten in einer Dürreperiode leblos in einem Teich aufgefunden. Die Obduktion ergibt, dass er ertrunken ist; doch sein Körper ist voller Salzwasser, obwohl er aus Süßwasser geborgen wurde … Da stimmt etwas nicht. Eine Reihe von Paradoxien, die sofort die Handlung von „Chinatown“ (Polanski, 1974) in Gang setzt und die Klischees rund um die kalifornische Stadt (Hollywood, die „coole“ Lebensart, die mit jungen, vollbusigen blonden Frauen überfüllten Strände…). Denn L.A. ist hier nicht wiederzuerkennen; seine bloße Existenz und damit sein Fortbestand in der amerikanischen Landschaft scheinen ungewiss. Es ist eine halluzinierte Fata Morgana in der Wüste, eine riesige, dem Menschen grundsätzlich feindliche Sandfläche, auf der Wasser so wertvoll ist wie Gold. Der integre Beamte Mulwray, zugleich Opfer und Held von „Chinatown“, offenbart die dunkle Seite der Stadt: die dort herrschende Korruption, die darauf zurückzuführen ist, dass private Interessen Vorrang vor dem Gemeinwohl haben. So taucht der Film zwar anfangs in das Licht Kaliforniens ein, versinkt aber nach und nach in der völligen Dunkelheit von Chinatown, seinem endgültigen Ziel.

Schon in den ersten Sekunden geht es direkt zur Sache: Die Fotos eines ehebrecherischen Paares, das mitten beim Sex erwischt wurde, schaffen von Anfang an den voyeuristischen Rahmen, in dem sich der Protagonist, der Privatdetektiv Jack Gittes – gespielt von einem Jack Nicholson in Höchstform –, bewegt. Sein Beruf wirft die Frage nach der Durchlässigkeit zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit auf. Diesen wenig glanzvollen Beruf übt Gittes skrupellos aus, denn er weiß, dass sein Geschäft bei weitem nicht das Schlimmste im Land von Uncle Sam ist. Tatsächlich zieht eine ganze Galerie zwielichtiger Männer vor unseren Augen vorbei: ein mit Hypothekarkrediten beauftragter Bankier, ein bestochener Polizeileutnant oder auch dieser steinreiche Grundbesitzer (John Huston), der eine inzestuöse Beziehung zu seiner eigenen Tochter (gespielt von Faye Dunaway) unterhält&: eine weitere Art, darauf hinzuweisen, dass die Lebenskräfte von ihrem natürlichen Bestimmungsort abgelenkt wurden. Was wiederum auf die Veruntreuung des Trinkwassers in der Stadt verweist. Niemand ist unschuldig, sagt uns Polanski im Grunde genommen, der bald wegen der Vergewaltigung der jungen Samantha Gailey im Jahr 1977 vor Gericht gestellt werden sollte (und für die immer noch ein Auslieferungsersuchen seitens der Vereinigten Staaten gegen ihn vorliegt). Auch die Mitwirkung von John Huston in der Besetzung ist kein Zufall: Man erinnert sich, dass dieser in den 1930er Jahren in den Tod einer jungen Frau verwickelt war, als er betrunken einen Autounfall verursachte. Dennoch musste Huston dafür keine Strafe verbüßen.

„Chinatown“ ist perfekt inszeniert und gehört zu den besten Filmen von Polanski. Trotz seiner komplexen Handlung findet man darin die Atmosphäre der 1930er Jahre und die schönen, gefallenen Figuren der amerikanischen Kriminalromane wieder – der Privatdetektiv Gittes ist nichts anderes als der Erbe des Philip Marlowe von Raymond Chandler. Aber auch im Blick auf die Gegenwart lässt sich dieser subtile und elegante Film würdigen, der ebenso fesselnd ist wie die von Nicholson gespielte Figur, die sich mit ihrem Pflaster auf der Nase ebenso heldenhaft wie lächerlich zeigt. Dieses Werk erinnert uns nicht nur an tatsächliche Ereignisse jener Zeit – in diesem Fall an die „Wasserkriege“, die sich in Kalifornien abspielten und für deren Figur Hollis Mulwray der Ingenieur William Mulholland als Vorbild diente. Die Handlung, die sich um die Wasserversorgung dreht, wirkt angesichts der aktuellen Klimakrise geradezu visionär. „Chinatown“? Ein Film, den man sich in Zeiten der Dürre immer wieder ansehen sollte.

Im Rahmen der Filmreihe „L.A. Babylon“ wird „Chinatown“ (USA, 1974, Originalfassung mit französischen Untertiteln, 130’) von Roman Polanski am Dienstag, den 20. Juni, um 20:30 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt