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Kino 4 Min. Lesezeit

Ein russisches Puppenhaus

Antonina Tschaikowskaja war nie die Ehefrau des Komponisten, auch wenn sie offiziell mit ihm verheiratet war

Erschienen in Ausgabe März 2023
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Beginnen wir mit der Frage, die sich nicht zum ersten Mal stellt: Warum werden die Filme von Kirill Serebrennikov nicht in unseren Kinos gezeigt? Sind sie zu lang? Aber es gibt doch Blockbuster von gleicher Länge. Befürchten die Programmverantwortlichen zu geringe Besucherzahlen? Zugegeben, die Zeiten, in denen man in die Avenue Pasteur zum Ciné-Club ging, um sich ein Programm mit Arthouse-Filmen anzusehen, sind längst vorbei. Es bleibt die Cinémathèque, und ich verweise auf den vergangenen Sonntag mit einem Aufruf, sich für Kirill Serebrennikov ebenso wie für Chantal Akerman und andere einzusetzen. Ansonsten bleibt nur noch das Streaming.

Das Leben und Werk des russischen Filmemachers (seine Nationalität dürfte dabei kaum eine Rolle spielen) muss man im Zusammenhang betrachten, und zwar nicht auf die übliche Weise. Hier ist ein Filmregisseur, ein Regisseur (für Oper und Theater), der in den letzten fünf bis sechs Jahren unter den schlimmsten Bedingungen gearbeitet und dabei die überzeugendsten Ergebnisse erzielt hat. Als Theaterdirektor in Moskau wird er quasi des Diebstahls beschuldigt, steht unter Hausarrest, arbeitet am Computer und übernimmt den Schnitt zu Hause. Was das Geld angeht, das er angeblich veruntreut haben soll: Es floss in Produktionen, die zum Zeitpunkt seines Prozesses noch immer auf dem Spielplan standen. Wenn ein autoritäres Regime einen verfolgt, ist das Absurde vorprogrammiert. Man muss sich jedoch die Mühe machen und sich vorstellen, was das bedeutet: jeden Tag vor Gericht zu erscheinen und abends nach Hause zurückzukehren, um seine kreative Arbeit fortzusetzen und Opern von Strauss, Mozart, Wagner und Schostakowitsch zu inszenieren – und das Tausende von Kilometern entfernt. Heute lebt Kirill Serebrennikov – man war nachsichtig, da es an Beweisen mangelte – im Exil in Berlin.

Vier (Opern-)Inszenierungen seit 2017, weitere Theaterinszenierungen (darunter beim Festival von Avignon), nicht weniger als drei Filme seit 2018 – unter diesen Umständen grenzt das an eine Meisterleistung, an ein Wunder und zeugt von unerschütterlichem Willen und Organisationstalent. Bei den Filmen gab es „Leto“ (wörtlich: „Sommer“), der zwischen euphorischem Schwung und Nostalgie schwankt und in die frühen 80er Jahre nach Leningrad (ja, so hieß Sankt Petersburg damals noch) sowie in die Underground-Rockkultur zurückführt. Es folgte 2021 „La Fièvre de Pétrov“, eine Verfilmung eines Romans, die sehr schnell den heißen, glühenden Charakter des Zustands ihres Protagonisten auf seinem alkoholgetränkten Streifzug annahm. Und schließlich, letztes Jahr in der offiziellen Auswahl von Cannes, vor einigen Wochen in Frankreich in die Kinos gekommen (doch mussten wir unsererseits ins Ausland reisen), „Tschaikowskys Frau“, ein Film, der somit ins Russland des 19. Jahrhunderts zurückreicht, zur verhängnisvollen Ehe des Komponisten und zum Abstieg in die Hölle von Antonina Miliukowa. Die junge Frau hatte darauf bestanden, ihn zu heiraten, und dabei seine Homosexualität ignoriert. War es für ihn eine Art, den Anschein zu wahren, in einem Land, in dem die Sitten streng kontrolliert werden? Hat der Kulturminister Serebrennikov nicht geraten, mehr Gewicht auf Tschaikowskys musikalisches Schaffen zu legen? Ein guter Rat, hinter dem sich eine Androhung verbergen sollte.

Der Film ist frei in seiner Interpretation, überzeugt durch seine Aussage und begeistert durch seine historische Darstellung. Die Inszenierung, die Kulissen und die Beleuchtung, die Bildkompositionen sowie die fließenden Kamerabewegungen zeugen von großer Kunst. Und dann, was in diesem Fall entscheidend ist, ist da das Spiel der Hauptdarsteller: Alyona Mikhailova, gefangen in der Liebesbesessenheit der Heldin, und Odin Lund Biron in der distanzierten Rolle des Komponisten. Beide befinden sich oft in Innenräumen, die der holländischen Malerei würdig sind – vielleicht nicht ganz im Stil Vermeers, bei dem es friedlicher und gelassener zugeht; orientieren wir uns lieber in Richtung Norden, Hammershøi, und gleichzeitig nähern wir uns Ibsen an, allerdings einer Nora, die immer tiefer in ihren Wahn und ihr Unglück versinkt.

Muss man noch einmal auf die Opern zurückkommen? Hier wurde ja bereits der Wiener „Parsifal“ thematisiert. Abschließend jedoch noch dies, was bei Kirill Serebrennikov ganz besonders bemerkenswert und charakteristisch erscheint: Ob er nun Wagner nimmt und ihn in ein zeitgenössisches russisches Gefängnis versetzt oder uns anderthalb Jahrhunderte zurückversetzt – in einem solchen Umfeld, in historischen Kostümen, treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander, wobei das eine das andere beleuchtet und umgekehrt. Vielleicht ist das die Erklärung für unsere Verbundenheit mit dieser Kunst, die einerseits von Respekt und andererseits von einem schönen Bemühen um Aufklärung geprägt ist.

Eine brandaktuelle Meldung: Kirill Serebrennikov setzt seine Wagner-Reihe mit „Lohengrin“ fort und wird im Herbst an der Opéra national de Paris zu sehen sein, mit Gustavo Dudamel am Pult.