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Kino 3 Min. Lesezeit

Ein Fingersatz für einen Flügel

Cinémasteak

Erschienen in Ausgabe Mai 2022
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„Das Piano“ (1993), Gewinner der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen von Cannes, ist Jane Campions berühmtester Film. Aber auch ihr formal ausgefeiltester Spielfilm, weit weniger grenzwertig und rockig als die drei Spielfilme, die ihm vorausgingen („Two Friends“, 1986; „Sweetie“, 1989 und „An Angel at my table“, 1990). Das mag die Fans der Regisseurin verwirrt haben: ihre Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, von einem Genre zum anderen zu wechseln, auf die Gefahr hin, manchmal ihr Publikum zu verlieren, das ständig ohne feste Anhaltspunkte und ohne erkennbare Leitlinie dasteht. Ganz wie Stanley Kubrick, einer ihrer wichtigsten filmischen Vorbilder.

Wie so oft greift Jane Campion zunächst auf ein Buch zurück, „Geschichte eines Flusses in Neuseeland“ (1920), und dessen Autorin, Jane Mender (1877–1949), eine Pionierin des Frauenjournalismus, mit der sie zahlreiche Gemeinsamkeiten teilt. Eine autobiografisch geprägte Verbundenheit: Neben dem Vornamen und der neuseeländischen Staatsangehörigkeit gibt es die Vorliebe für das Anderssein und vor allem das Überschreiten gesellschaftlicher Normen durch eine Frau inmitten einer patriarchalischen und konservativen Gesellschaft. Ein Streben nach Emanzipation, das sich auch in anderen Werken dieser Zeit widerspiegelt, wie beispielsweise in dem skandalträchtigen Roman „Lady Chatterleys Liebhaber“ (1928) von D. H. Lawrence, der 2006 von Pascale Ferran für die Leinwand adaptiert wurde. Die Geschichte, die Campion hier erzählt, ohne im Abspann auch nur die Quelle ihrer Inspiration zu erwähnen, ist im Grunde dieselbe: Ada, gespielt von der unerschütterlichen Holly Hunter, kommt schweigend mit ihrem Hab und Gut am Strand von Karekare an, um einen Mann zu heiraten, den sie nicht kennt und den sie noch nie gesehen hat. Dieser hat sie allein aufgrund eines Fotos ausgewählt – sozusagen das „Tinder“ jener Zeit. Dort ist sie gezwungen, mit den Siedlern und dem Volk der Māori zusammenzuleben, das nach und nach seines Landes enteignet wird. Die wilde Insel, auf der Ada sich wiederfindet, weckt ihre Sinne, ihr fleischliches Verlangen und ihr Geschlechtsein, auch wenn es ihrem Korsett und der streng protestantischen Steifheit ihrer viktorianischen Krinoline gar nicht passt! Eine Sensibilität, die im Kontakt mit Baines, verkörpert vom großartigen Harvey Keitel, nach und nach zum Vorschein kommt; er fungiert als Bindeglied zwischen den Westlern und den Ureinwohnern, wie sein unvollendetes Gesichtstattoo bezeugt. Eine recht sittsame Rolle für den amerikanischen Schauspieler, ein Jahr nach Abel Ferrara’s „Bad Lieutenant“ (1992).

Das eigentliche Thema des Films ist jedoch der Flügel, wie es der Originaltitel in seiner schlichtesten Form zum Ausdruck bringt (The Piano). Ein Objekt, das Jane Campion als äußerst sinnlich, ja sogar offen erotisch darstellt. Adas Finger gleiten über jede einzelne Taste, so wie sie später die Körper von Baines oder ihrem Ehemann streifen werden. Der besagte Klavierunterricht dient in Wirklichkeit dem sexuellen Erwachen der jungen Frau, trotz der anfänglich hinterhältigen Erpressung durch Baines: eine Unterrichtsstunde im Austausch gegen eine innige, anzügliche Umarmung. Ada tappt bereitwillig in die Falle, auch wenn sie am Ende mehr verlangt, als der brave Inselbewohner gehofft hatte. So schleicht sich aus einer Falle, die Dr. Weinstein zweifellos nicht abgelehnt hätte, schließlich ein seltsamer, sinnlicher Feminismus ein, bis er wieder zu Wort kommt. Das stumme Bild, auf das Ada bisher reduziert war, wird so zu einer sprechenden Verkörperung. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, zu spüren, ob es tief in seinem Herzen und in seinem Höschen kribbelt – oder nicht.

„The Piano“ (1993, Neuseeland – Australien), Originalfassung mit französischen Untertiteln + Deutsch, 121’, wird am Mittwoch, den 11. Mai, um 20:30 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt