Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Kino 4 Min. Lesezeit

Die gefangene Frau

„Jeanne Dielman“, zum besten Film der Filmgeschichte gekürt, ist am Sonntag in der Cinémathèque zu sehen

Erschienen in Ausgabe März 2023
Artikel teilen auf

Eine riesige Überraschung gab es im vergangenen Dezember, als die Ergebnisse der Abstimmung über den besten Film aller Zeiten bekannt gegeben wurden. Nein, der Regisseur war kein Mann, und der Film war auch kein englischsprachiger: Welles und sein „Citizen Kane“, „Vertigo“ und Hitchcock wurden von der belgischen Filmemacherin Chantal Akerman und ihrem Film „Jeanne Dielman, 23, quai du commerce, 1080 Brüssel“ übertrumpft. Der Titel ist nicht gerade ein Publikumsmagnet – ein Blockbuster würde anders heißen –, und auch die Laufzeit des Films von über 200 Minuten ist nicht gerade darauf ausgelegt, ein breites Publikum anzusprechen. Mit dieser Nominierung hat man sich definitiv von den ausgetretenen Pfaden des kommerziellen Kinos entfernt. Und Sie werden am Sonntag um 16:30 Uhr in die Cinémathèque, Place du Théâtre, gehen – eine mehr als seltene Gelegenheit, dieses Meisterwerk zu sehen.

„Jeanne Dielman“, um es kurz zu machen, stammt aus dem Jahr 1975; der Film kam rechtzeitig zum Filmfestival von Cannes in die Kinos, wo er in der offiziellen Auswahl der „Quinzaine des réalisateurs“ vertreten war. Wäre er im Wettbewerb gelaufen, hätte er vielleicht einen Platz in der Preisträgerliste gefunden, zum Beispiel für Delphine Seyrig, die immerhin eine besondere Erwähnung erhielt (für die Qualität und ihre Präsenz). Es stimmt, dass das Festival 1975 wirklich ganz im Zeichen der Frauen stand: Nicht weniger als vier Filme, darunter drei von Regisseurinnen, standen neben „Jeanne Dielman“ im Wettbewerb, nämlich „Aloïse“ von Liliane de Kermanec und „India Song“ von Marguerite Duras. Und drei Frauenporträts, wenn man so will: Jeanne also, Aloïse Corbaz, eine Schweizer Malerin, die im Film den Namen Porraz trägt, und schließlich Anne-Marie Stretter, die Frau eines Botschafters in Indien.

Drei Frauen, die man alle als gefangen bezeichnen könnte: auf dem begrenzten Raum einer Wohnung, im Zimmer einer Anstalt, unter den Wandvertäfelungen einer Residenz. Noch mehr sind sie es jedoch jenseits der materiellen und räumlichen Eingeschlossenheit: Anne-Marie Stretter durch die Gitter, die die Blicke der Männer bilden, deren Begierden und Fantasien sie kanalisiert; Aloïse durch unerreichbare Lieben; und Jeanne von den Zwängen eines bürgerlichen Lebens – für sie der einzige Weg, ihrem Dasein als Frau und darüber hinaus zweifellos dem menschlichen Dasein überhaupt einen Sinn zu geben; die Annäherung in jenen Jahren an die Literatur und das Theater, an Performances, etwa von Samuel Beckett, ist kein Zufall.

„Jeanne Dielman“ ist wie ein Höhepunkt und zugleich ein Wendepunkt in der Karriere von Delphine Seyrig. Ein Abschied von Rollen, die von „Marienbad“ bis „India Song“ reichen, von deren Glamour und ihrem bezaubernden Charme. Zu denen sie jedoch stets eine gewisse Distanz gewahrt hatte. Jeanne steht für die Situation der Frau ohne besondere Anziehungskraft, und zunehmend wird Delphine Seyrigs Kampf ein feministischer sein. Eine Ausstellung in den letzten Jahren, von Villeneuve d’Asq bis Wien, zeichnete den Werdegang des von Seyrig, Carole Roussopoulos, Ioana Wieder und Nadja Ringart, das sich den treffenden Namen „Les Insoumuses“ gegeben hatte, seit Mitte der 1970er Jahre nachgezeichnet.

Chantal Akermans Film handelt vom Alltag, von den Abendessen, die sie zubereitet, und von der Hausarbeit im Allgemeinen. Nebenbei (wenn auch in regelmäßigen Abständen) geht sie der Prostitution nach, und wenn sich die Tür hinter ihr und dem Mann, den sie empfängt, schließt, legt die Regisseurin besonderen Wert auf ihre gründliche Reinigung. Ihre rechte Hand, die mit Blut bedeckt ist, nachdem sie einem Mann die Kehle durchgeschnitten hat, wird sie nicht waschen. Am Ende des Films sitzt sie ratlos da, wie an ihren Stuhl genagelt, und wartet nur darauf, was wohl passieren wird. Von draußen dringen blaue Lichtblitze herein, die schon seit Beginn des Films zu sehen sind; nun könnte man sie als Reflexe eines Polizeiautos mit Blaulicht identifizieren. In seinem wunderschönen, ganz neuen Buch über die Schauspielerin Delphine Seyrig, „En constructions“ (Capricci), leitet Jean-Marc Lalanne aus der Situation von Jeanne weitere Schlussfolgerungen ab. Nein, auch wenn die Erfahrung des Films von Chantal Akerman radikal neu war, hatte Delphine Seyrig diesen Weg bereits eingeschlagen oder ihre Ausrichtung lediglich verstärkt.

Ihre Zukunft, die 1990 viel zu früh durch eine Krebserkrankung jäh beendet wurde, hätte sich – wenn auch auf andere Weise – auf dem Weg fortgesetzt, den ihr Schauspielstil bereits in „Marienbad“ vorgezeichnet hatte. Und hier trifft Lalanne den Nagel auf den Kopf: „Sie ist nie ganz einfach nur eine Figur, sondern bereits innerhalb der Erzählung eine Ikone, ein Fetisch, ein reines Kinobild, eingebettet in eine naturalistische Chronik.“ Das ist das Wesen der siebten Kunst, der Grund, sie zu lieben und sich mehr als drei Stunden lang in sie zu vertiefen.