Wie seine umfangreiche Filmografie belegt, beherrschte Howard Hawks (1896–1977) alle populären Genres, die das Hollywood-Kino seiner Zeit zu bieten hatte. Dazu gehören Sandalenfilme („Das Land der Pharaonen“, 1955), Western („Rio Bravo“, 1956) sowie natürlich Film Noir und Komödien („Der unmögliche Herr Baby“, 1938). Ähnlich wie bei Lubitsch oder Billy Wilder waren auch Hawks’ kommerzielle Erfolge von der Kritik gelobt, was ihm einen wichtigen Platz in der Filmgeschichte sicherte. Der heute wohl bekannteste unter ihnen ist „Scarface“ (1932) mit seiner beispiellosen Gewaltentfesselung im Amerika der Prohibition. Ein halbes Jahrhundert später drehte Brian De Palma ein berühmtes Remake mit Al Pacino als kokainabhängigem Gangster im „American Way of Life“ („Scarface“, 1983). Martin Scorsese wiederum griff in seinem Film „The Wolf of Wall Street“ (2013) darauf zurück. Oder wie der amerikanische Traum letztendlich immer zum Albtraum wird…
Weit entfernt von den brutalen Typen aus „Scarface“ ist „Gentlemen Prefer Blondes“ (1953) Hawks’ einziger Ausflug in das Genre des Musicals. Die Handlung, die zwangsläufig von Chor- und Tanzsequenzen unterbrochen wird, dient hier als Vorwand, um den Sexappeal zweier befreundeter amerikanischer Frauen hervorzuheben: die große Brünette Dorothy Shaw, gespielt von Jane Russell, und die Blondine Lorelei Lee, die von Marilyn Monroe mit unschuldiger Ausstrahlung verkörpert wird. Beide sind Revuetänzerinnen. Die erste hat nur Augen für gutaussehende, mittellose junge Männer; und die zweite hat nur Augen für reiche Männer, die ihr große Diamanten schenken können. Soll man dem Weg der Schönheit folgen, wenn diese doch dazu bestimmt ist, mit der Zeit zu verblassen? Und reicht Geld aus für das Eheglück? Das ist eine Handlung, die so leicht ist wie die glitzernde Welt, in die der Zuschauer schon in den ersten Minuten des Films versetzt wird. Auch wenn die beiden unterschiedliche Wege einschlagen, streben sie doch dasselbe Ziel an: die Ehe, den unüberwindbaren Horizont für Paare der 1950er Jahre. Aber eine Ehe, der es niemals an Liebe mangelt. Die Geschichte nimmt so den Charakter eines modernen Märchens an und regt zum Nachdenken darüber an, welche Strategien man verfolgen muss, um das unvermeidliche Happy End des klassischen Hollywood-Kinos zu erreichen.
Im Nachhinein erweist sich „Gentlemen Prefer Blondes“ als eine beeindruckende Maschine zur Produktion und Vermittlung von Ideologie, auch wenn diese nicht ausdrücklich benannt wird. Die weibliche Erotik war nicht nur ein Motor für den kommerziellen Erfolg des Films, sondern trug auch dazu bei, die Werte von Freiheit und Individualität weltweit zu verbreiten. In dieser Zeit des Kalten Krieges, der sich auch über Leinwände und Filmfestivals abspielte, wirkte das sowjetische Kino im Gegensatz dazu recht prüde. Die Vereinigten Staaten errangen diesen kulturellen Sieg, indem sie ein positives Bild exportierten, in dem die Sinnlichkeit der Frau untrennbar mit ihrer individuellen Freiheit verbunden ist. Zur gleichen Zeit zögerte die Central Intelligence Agency (CIA) nicht, die künstlerische Strömung des abstrakten Expressionismus (Pollock und Co.) zu unterstützen, um die Vereinigten Staaten als eine große Nation zu präsentieren, in der Künstler über völlige kreative Freiheit verfügen. Es gibt kein Bild, das wirklich unschuldig ist, und keinen Star, der nicht in politische Auseinandersetzungen verwickelt wäre. Diesen letzten Punkt musste Marilyn Monroe leider am eigenen Leib erfahren.
„Gentlemen Prefer Blondes“ (USA, 1953, Originalfassung mit französischen Untertiteln, 91 Min.) wird am Sonntag, den 19. Juni, um 20 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt