Anne Frank starb im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus. Ihre tragische Geschichte unterscheidet sich wahrscheinlich kaum von derjenigen Hunderter anderer junger Jüdinnen in den 1940er Jahren in den Ländern, die unter dem Joch des Nazi-Regimes standen. Doch im Gegensatz zu vielen Unbekannten ist Anne dank ihres Tagebuchs, das sie während der zwei Jahre ihres Lebens schrieb, die sie zusammen mit ihrer Familie in einer geheimen Wohnung in Amsterdam im Versteck verbrachte, in die Geschichte eingegangen.
Dieses Tagebuch diente dem israelischen Filmemacher Ari Folman als Inspiration. Er ist Regisseur von „Clara Hakedosha“, „Vals mit Bashir“ und „The Congress“ (bereits in Koproduktion mit Luxemburg und Paul Thiltges Distributions) und wurde unter anderem mit einem European Film Award, einem César und einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, für seinen neuen Spielfilm, der in der internationalen Fassung den Titel „Where is Anne Frank“ und in der luxemburgischen Fassung „Wou ass d’Anne Frank“ trägt. Wir betonen ausdrücklich den Begriff „inspiriert“, denn dieser neue Animationsfilm ist keine Adaption des berühmten Tagebuchs. 75 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung des Tagebuchs der jungen Anne Frank und dem Kinostart dieser neuen Produktion von Samsa Film. Genau dieser zeitliche Abstand hat das Interesse des Filmemachers vor allem geweckt.
So wechselt die Erzählung während der gesamten 99 Minuten des Films immer wieder zwischen dem Amsterdam der frühen 1940er Jahre und dem Amsterdam der frühen 2020er Jahre hin und her. Dazu erweckt Ari Folman Kitty zum Leben, die imaginäre Freundin, der Anne Frank ihr Tagebuch widmet. Wie durch Zauberei aus den von Anne geschriebenen Worten hervorgegangen, erwacht Kitty auf mysteriöse Weise im Anne-Frank-Museum und macht sich sofort auf die Suche nach ihrer Freundin Anne. Zunächst im ehemaligen Versteck des Mädchens, bald darauf dank ihres neuen Freundes Peter auch außerhalb dessen Mauern.
Hier ist der Kontrast frappierend. Anne Frank ist überall: ein Museum, eine Straße, eine Statue, eine Bibliothek … Doch die Bedeutung ihres Lebens, ihres Todes und ihres Tagebuchs ist verloren gegangen. Egoismus, Gleichgültigkeit und Nationalismus scheinen die Oberhand über Teilen, Brüderlichkeit und Humanismus gewonnen zu haben. Das zeigt sich daran, wie mit den Armen und Ausgegrenzten, vor allem aber mit den Flüchtlingen umgegangen wird, die gezwungen sind, in provisorischen Zelten auf der Straße zu leben und von der Polizei schikaniert werden. Eine Polizei, die nach Kitty fahndet, weil sie das Original von Annes Tagebuch mitgenommen hat.
Kittys Ziel ist es, Anne wiederzufinden, doch sie kann vor diesen neuen Ungerechtigkeiten nicht die Augen verschließen. Ungerechtigkeiten, die Ari Folman mit denen vergleicht, die Anne und ihre Familie zu ihrer Zeit erdulden mussten, ohne sie jedoch direkt miteinander zu vergleichen oder gegeneinander abzuwägen. Kitty taucht abwechselnd in die eine oder andere Zeitdimension ein – mal mit Anne, mal auf der Suche nach Anne oder zumindest nach dem, was von ihrer Geschichte moralisch in unserer modernen Gesellschaft übrig geblieben ist.
Visuell ist der Film ein Erfolg, mal traumhaft, mal realistisch, mit einem klaren Strich, der sich mit dem Herannahen der Nazis in einen expressionistischen Stil verwandelt – eine Strömung, die übrigens damals vom Regime verurteilt wurde. Hinzu kommt die Farbwahl, die im Gegensatz zum Üblichen steht: schillernde Farben für die Szenen aus der Vergangenheit und dunklere Töne für die Einstellungen, die in der Gegenwart spielen. Die Animation ist bisweilen überraschend und wirkt bewusst naiv, doch einige Szenen voller visueller Poesie bilden einen Gegenpol zu diesem grafischen Stil, der nicht jeden überzeugt.
Dennoch: Trotz seiner grafischen gelungenen Umsetzung und seiner sehr guten Absichten – eine zutiefst humanistische Erzählung in einer Zeit, in der wir erneut in Europa und im Westen ein Aufkommen extremistischer Politik und hasserfüllter Reden zu beobachten ist – leidet der Film unter einem zugleich kitschigen und allzu belehrenden Charakter, der ein erwachsenes Publikum abschrecken könnte, während er gleichzeitig eine komplexe Geschichte und einige für ein jugendliches Publikum schwierige Szenen bietet. Es stellt sich also die Frage nach der Zielgruppe. Ohne dass es langweilig wird, gelingt es dem Film nicht, den Zuschauer vollständig in seinen Bann zu ziehen. Doch weil er uns daran erinnert, dass sich Geschichte wiederholen kann – ja, dass sie sich vielleicht sogar bereits wiederholt –, ist dieser „Wou ass“ von Anne Frank zweifellos ein notwendiger Film.