Der Erfolg von Brian De Palmas „Scarface“ (1983) war, wie man weiß, enorm. Man hätte fast das Vorbild vergessen, von dem er inspiriert war und das junge Zuschauer bald entdecken sollten – den gleichnamigen Film von Howard Hawks, dessen Gewaltausbrüche das Publikum sechzig Jahre zuvor schockiert hatten. „Scarface“ ist mittlerweile ein absoluter Kultklassiker und hat seine filmischen Wurzeln längst hinter sich gelassen, um überall aufzutauchen – von Postern bis hin zu T-Shirts für Teenager, die das triumphierende Gesicht von Tony Montana (Al Pacino) zeigen. All diese Varianten eines Motivs zeugen von der Beliebtheit unseres kubanischen Protagonisten, der im Land von Uncle Sam zugleich Symbol für Erfolg und Dekadenz ist. Das sind die beiden Bildnisse, die diese Merchandising-Produkte am häufigsten vermitteln: Dem Bild eines allmächtigen Königs, der auf einem schwarzen Thron thront, steht meist das eines einsamen Banditen gegenüber, der wütend eine Maschinenpistole schwingt. Ein Wechsel zwischen zwei Perspektiven, in dem sich die Vorder- und Rückseite der Macht entfalten.
Diese letzte Vorführung der Reihe „Mafiosi & Mobsters Movies“ in der Cinémathèque erinnert uns jedenfalls daran, wie grundlegend politisch der Gangsterfilm ist. Er hinterfragt unablässig das Verhältnis zum Gesetz und zur Norm, wenn er nicht gar die beunruhigende Umkehrbarkeit der Rollen zwischen Polizisten und Gangster inszeniert: ein Aspekt, der in Frankreich einen Filmemacher wie Jean-Pierre Melville, einen der größten Kenner des amerikanischen Film Noir jener Zeit, nachhaltig prägen sollte. Aber auch durch den historischen Kontext, den De Palma auf einzigartige Weise heranzieht, stellt „Scarface“ eine politische Fabel dar (und Montana verkündet jedem, der es hören will, dass er ein „politischer“ Gefangener sei). Indem der Film den Castrismus und die amerikanische Produktionsweise einander gegenüberstellt, zeugt er vom Ende der beiden großen Ideologien, die die Weltordnung spalteten.
Mai 1980: Fidel Castro öffnet den Hafen von Mariel, um bestimmten Staatsangehörigen die Rückkehr zu ihren Familien zu ermöglichen. Inoffiziell nutzt der Diktator diese Gelegenheit, um seine Gefängnisse von den schlimmsten Kriminellen zu entlasten. Unter den 125.000 Flüchtlingen, die in die Vereinigten Staaten geschickt wurden, hatte laut einer Tafel ein Viertel ein Strafregister. So verankert sich „Scarface“ schon mit den ersten Bildern vollständig in der Realität – mithilfe von Archivaufnahmen, die die Ankunft kubanischer Familien in den USA dokumentieren. Bis hin zum langen Warten vor der Asylantragstellung. Das könnten Bilder von heute sein. Vom Mittelmeer.
Hinzu kommt die Unausweichlichkeit der Tragödie – ein Genre, mit dem sich Al Pacino als Schauspieler mittlerweile voll und ganz identifiziert. Nicht nur, dass er noch immer jeden Abend Shakespeare-Stücke auf den Bühnen New Yorks spielt. Auch seine bedeutenden Filmrollen, wie in Coppolas „Der Pate“ (1972) oder De Palmas „In der Falle“ (1993), haben ihn als echten Tragöden etabliert. Sein düsterer, tiefgründiger Blick als Sohn italienischer Einwanderer offenbart sowohl die Macht, die er über andere ausüben kann, als auch die Blindheit, von der er selbst immer als Erster getäuscht wird. Um den Preis seines eigenen Niedergangs gelangt der tragische Held zur Wahrheit, schreitet nackt ins Unbekannte, sieht, ohne wahrzunehmen, und zerstört diejenigen, die er liebt, ohne sie jemals umarmen zu können.
„Scarface“ von Brian De Palma (USA, 1983), Originalfassung mit französischen Untertiteln, 170’, wird am Freitag, den 15. Juli, um 19 Uhr in der Cinémathèque der Stadt Luxemburg gezeigt