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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Zögern wir, zögern wir…

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe November 2022
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Die zweite Verhandlungswoche der COP27 in Sharm el-Sheikh bietet ein trostloses Schauspiel aus hinter den Kulissen geführten Verhandlungen und zweifelhaften Machenschaften. Musste man schon naiv sein, um etwas anderes zu erwarten?

Anstatt die Chance zu nutzen, den Bemühungen um eine internationale Koordinierung des Klimaschutzes neuen Schwung zu verleihen, verbrachten die Delegierten ihre letzten Tage damit, zu versuchen, eine Verwässerung der zaghaften Fortschritte zu verhindern, die im vergangenen Jahr in Glasgow erzielt worden waren. Einige Nachzügler versuchen, den Verweis auf das Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, aus der Abschlusserklärung zu streichen und sich stattdessen mit dem 2-Grad-Ziel zufrieden zu geben. Dies gilt insbesondere für Indien und China. Eine Reihe von Wissenschaftlern hat in letzter Zeit eingeräumt, dass dieses Ziel mittlerweile außer Reichweite ist. Haben sie damit – ohne es zu wollen – denjenigen, die auf Zeit spielen, in die Hände gespielt?

Zwar ist der Verhandlungsprozess noch lange nicht abgeschlossen, und es besteht weiterhin die vage Hoffnung, dass diese Verzögerungstaktiken als das erkannt werden, was sie sind. Doch sie binden die Energie der Verhandlungsführer. Indien, das bei seiner Energieerzeugung weitgehend auf Kohle angewiesen ist, hatte in Glasgow zugestimmt, dass die Konferenz die Notwendigkeit festhält, den Einsatz dieser extrem CO2-emittierenden Energiequelle zu beenden – allerdings nicht ohne im Gegenzug eine Abschwächung des Abschlusstextes zu erreichen. In Ägypten schlug Indien vor, Kohle nicht mehr gesondert zu nennen und fortan alle fossilen Brennstoffe als diejenigen zu bezeichnen, auf die verzichtet werden müsse. Ablenkungsmanöver oder Anfang eines Fortschritts? Die Öl- und Gasexportländer, denen es bisher gelungen ist, ein Verbot von Kohlenwasserstoffen zu verhindern, werden alles tun, um die Verabschiedung einer solchen Formulierung zu verhindern. Ein saudischer Minister, Adel al-Jubeir, lehnte nicht nur die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen Klimawandel und fossilen Brennstoffen ab, sondern auch die bloße Idee, dass deren Verbrauch reduziert werden müsse. Dass wir an diesem Punkt angelangt sind, ist eine traurige Erinnerung an die Kluft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischer Realität.

Auch in Bezug auf die finanziellen Zusagen der reichen Länder sind die Verhandlungen nicht gerade ermutigend. Die durchgesickerten Entwürfe der Abschlusserklärung lassen vermuten, dass es in diesem Punkt kaum konkrete Verpflichtungen geben wird. Während die Industrieländer Mittel für Verluste und Schäden bereitstellen sollten, damit sich die internationale Gemeinschaft auf die Verteilungsmechanismen einigen kann, verlieren sich die Verhandlungsführer in Haarspalterei darüber, ob die Einrichtung eines neuen Fonds sinnvoll ist, was die Aussicht, dass diese Mittelzuflüsse 2023 beginnen, in weite Ferne rückt. Es scheint die Gefahr zu bestehen, dass die in Glasgow eingegangene Verpflichtung, den jährlichen Betrag für Anpassungsmaßnahmen auf 200 Milliarden Dollar zu verdoppeln, an den Ufern des Roten Meeres geflissentlich „vergessen“ wird. Wir sollten nicht in Pessimismus verfallen, aber wir müssen anerkennen, dass die Nachrichten aus dem Sinai nicht gut sind.