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Feuilleton 5 Min. Lesezeit

Fahren wir immer noch nach Prinzendorf?

Hermann Nitsch starb im Jahr 2022; bis zum letzten Tag war er mit der zweiten Fassung seines „6-Tage-Spiels“ beschäftigt, das am Pfingstwochenende wiederaufgeführt wurde.

Erschienen in Ausgabe Juni 2025
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Der Zufall wollte es, dass innerhalb weniger Tage zwei Reisen nacheinander nach Giverny und nach Prinzendorf folgten. Auf der einen Seite die Hänge an der Seine mit dem überzeugendsten impressionistischen Bild im Morgennebel: Monets Haus, seine Gärten, die mit Blumen gesäumten Alleen – auch wenn diese zu einer anderen Jahreszeit üppiger gewesen wären, was ebenso gilt für die fast nicht vorhandenen Seerosen. Auf der anderen Seite die mit Weinreben bepflanzten Hügel im Norden Niederösterreichs, das Schloss Nitsch, sein Innenhof, seine Nebengebäude, vom Schüttboden bis zum Weinkeller. Zwei Orte, bedeutende Stätten, untrennbar verbunden mit den beiden Künstlern und ihrem Werk, die beide in die Kunstgeschichte eingegangen sind.

Die Parallele geht weit über den reinen Zufall hinaus. Hat das Musée de l’Orangerie in Paris nicht vor anderthalb Jahren dem Österreicher Tribut gezollt – im Rahmen eines Projekts, das eigentlich anders hätte aussehen sollen: Nitschs Hommage an Monet, die durch seinen Tod ein jähes Ende fand. Vor den Seerosen standen also die letzten Gemälde von Nitsch, blendend, lebhaft geknetet, durchmischt. Zu den „Seerosen“ merkte Clémenceau an, dass Monet an die Grenze dessen stieß, was die Kraft des Pinsels und des Geistes leisten kann. Was Farbe und Licht betrifft, steht das Spiel auf gleicher Ebene; was die Grenzen angeht, so hat Nitsch sie verschoben, aufgehoben – was seiner Zeit, den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, entsprach –, um Platz zu schaffen für die Inszenierung realer Ereignisse, für die Körper der Menschen und Tiere, ihr Blut, ihr Fleisch, ihre Eingeweide, um die Leinwand zu beschmutzen, nein, um daraus in Aktionen und Rituale mit ihrer symbolischen Bedeutung sowie ihrem urzeitlichen und zeitgenössischen Anteil hervorzutreten.

Die ersten beiden Spieltage des 6-Tage-Spiels fanden 2022 und 2023 statt. Nun, in diesem Juni, sind die Tische für die Fortsetzung gedeckt, alle bunt geschmückt, mit Obst und Gemüse beladen, an anderer Stelle mit Innereien aller Art; für solche Aktionen stehen auch auf der Südseite des Hofes, vor der Fassade, leere Leinwände bereit, während das Orchester, das bereits durch seine Größe beeindruckt und mal von elektronischer Musik, mal von einem Chor unterstützt wird, unter der Leitung von Andrea Cusumano die Grundlage des Gesamtkunstwerks mit wahrhaft wagnerischen Akzenten bildet, die sich endlos ausdehnen. Sehr schnell werden alle Sinne angeregt, erregt, sie reagieren aufeinander und verschmelzen in reinster Synästhesie. Und sie folgen dabei lediglich einer perfekt abgestimmten und unter der Leitung von Leonhard Kopp und Frank Gassner strikt eingehaltenen Partitur. In solchen Momenten großer Spannung, ja sogar der Apotheose, ertönt das Läuten der Glocken, das klangvolle und ohrenbetäubende Metall der Gongs. Es ist fesselnd, es ist mitreißend; man kann sich dem entziehen, etwas zu essen nehmen, ein Glas Wein trinken und sich manchmal am Grab von Nitsch hinter dem Schloss in Ruhe versenken.

Eine Episode folgt der nächsten – Handlungen, bei denen der menschliche Körper, ob in Weiß gekleidet oder nackt, auf die Probe gestellt wird, wie bei den Kreuzigungen, bei denen ein Tierkadaver auf die Person gelegt wird und andere Darsteller beginnen, mit ihren Händen in dessen Eingeweiden zu wühlen und Blut hineinzuschütten. Alle kommen davon mit roten Flecken, zumindest mit schönen Farbläufen, lebendigen „gespritzten“ Farben (eine unzureichende Übersetzung für „Schüttbilder“). Noch schlimmer wird es nach einem Gerangel all dieser Menschen am Grund des Hofbeckens; dann ist es unmöglich, irgendjemanden zu erkennen oder zu sagen, zu welcher Mannschaft der Spieler gehören würde, wenn es sich um ein einfaches Rugby-Spiel handeln würde. Das Wesentliche ist jedoch die Entspannung, das fast hemmungslose Spiel inmitten von Ritualen, die so viel Gewalt bannen und sogar transzendieren.

Das barocke Gebäude, das jedoch einen sehr klassischen Stil aufweist, stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und wurde zweifellos auf den Ruinen einer mittelalterlichen Festung errichtet ; 1971 erworben, um Nitschs „Bayreuth“ zu werden, befand es sich seit 1838 im Besitz des Stifts Klosterneuburg. Zusammen mit seiner Umgebung bietet es Raum und vielfältige Kulissen für zahlreiche Feierlichkeiten. Nun steigt man hinab in den Weinkeller, wo sich im Schein der Fackeln natürlich ein geheimnisvollerer, verborgener Charakter durchsetzt und ausbreitet – ist es Adonis, der von der Speerspitze getroffen wird, oder gar Amfortas? Draußen herrscht Dionysos, der Gott des Festes. Was die Prozession durch die umliegenden Felder oder jene betrifft, die die Allee des Parks hinunter- und wieder hinaufzieht: Sie nähern sich in ihrer Pracht, in ihrem lebhaften Glanz den letzten Gemälden des Künstlers an, den „Blumen der Auferstehung“. In der Zwischenzeit, nach den Klängen der Kammermusik in der Nacht, auf der Terrasse, der neue Sonnenaufgang.

Was wird aus dem Schloss, aus dem 6-Tage-Spiel? Letzte Woche konnte Rita Nitsch – vielleicht zum letzten Mal – den Wunsch des Künstlers, ihres verstorbenen Mannes, erfüllen. Indem sie alles aus eigener Tasche bezahlte. Das Schloss könnte, ähnlich wie das Haus von Monet und mit entsprechendem politischen Willen, zum denkwürdigsten Ort des Wiener Aktionismus werden. Schon seine ersten Aktionen deuteten auf diese Entwicklung hin. Damals war er sein eigener Akteur, heute folgen ihm so viele junge Mädchen und junge Männer. Sie ertragen die Strapazen der Übungen, trotzen der Hitze oder dem Regen und der Kälte. Heinz Cibulka war einer der Hauptakteure der frühen Aktionistenzeit, später der offizielle Fotograf. „Mit Heinz Cibulka stand ein großartiger passiver Akteur zur Verfügung, er stellte in den 60er Jahren seinen Körper für Aktionen von Schwarzkogler und mir zur Verfügung… Vor allem wurde von ihm die große Ruhe, die Hingabe, die Passivität, das So-Sein verlangt. Er leistete das vollkommene Aufgehen in einem Geschehen…“

Vielleicht werden wir nicht mehr nach Prinzendorf fahren; möge dieses möglicherweise letzte Zeugnis daher gerade dem Freund Heinz Cibulka gewidmet sein, auch als Gegenpol zu den einstigen luxemburgischen Verwicklungen. Eine Krankheit hat das Wiedersehen am vergangenen Wochenende verhindert.