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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Das weiße Gold schmilzt

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Januar 2023
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Die Skigebiete versuchen in diesem historisch milden Winter 2023 mit immer größeren Anstrengungen, ihren Betrieb trotz fehlenden Schnees aufrechtzuerhalten. Fast überall im Alpenraum geht es für sie heute darum, mit allen Mitteln schmale Korridore zwischen den oberen Bereichen ihrer Skigebiete und den Ferienorten der Touristen zu schaffen, umgeben von Hängen, auf denen nicht die geringste Spur von Schnee zu sehen ist. Den Vogel schießt zweifellos Gstaad im Berner Oberland ab, wo die Seilbahngesellschaft Ende Dezember den kostbaren weißen Schnee per Hubschrauber anliefern ließ, um zu versuchen, eine Verbindung zwischen den Skigebieten Zweisimmen und Saanenmöser offen zu halten. Als dieser Versuch scheiterte, griffen die findigen Berner zu einer Bastellösung und schweißten die Kippschaufel eines Traktors an eine Pistenraupe, um die Verbindung herzustellen. Eine Lösung, die einige Tage lang funktionierte, sich aber letzte Woche schließlich ebenfalls als unzureichend erwies.

Nur wenige Kilometer entfernt, in Adelboden, wo Anfang Januar Slalom- und Riesenslalom-Weltcup-Rennen auf dem Programm standen, hatten sich die Veranstalter vorbereitet: Bereits im Dezember produzierten sie große Mengen Schnee, um ihn in Lagern zu horten. Eine Woche vor den Wettkämpfen setzten sie Drohnen ein, um die Größe dieser Vorräte zu messen und so dem Internationalen Skiverband nachzuweisen, dass sie über genügend Schnee verfügen würden. Mit großem Einsatz von Maschinen und grobem Salz, das, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet, in geringen Mengen zum Aushärten des Schnees verwendet wurde, gelang es ihnen, ein weisses Band bis zur Ziellinie auf 1 302 Metern Höhe anzulegen und die Champions in ihren mit Logos übersäten Anzügen dort laufen zu lassen. „Ist das die neue Normalität?“, gibt die NZZ vor, sich zu fragen.

Die Maßnahmen, die in den letzten Jahren noch einigermaßen funktioniert haben – darunter die berühmten Schneekanonen –, stoßen allmählich an ihre Grenzen. Durch die Erderwärmung fehlen den Gebirgsregionen mittlerweile ausreichend kalte Temperaturen, um dort eine Schneedecke zu bilden, selbst wenn diese künstlich erzeugt wird. Die absurde, oft äußerst energieintensive und für die Bergwelt schädliche Technik, auf die Politiker und Skigebietsbetreiber offenbar bereit sind zurückzugreifen, um ihre Einnahmequellen zu sichern, stößt zunehmend auf das wachsende Bewusstsein der Bürger. Auch wenn viele von ihnen lieber die Augen verschließen und so lange wie möglich die Winterfreuden genießen, die ihre Kindheit geprägt haben. Geht es darum, die bedrohten Arbeitsplätze in den Skigebieten zu erhalten? In Bayern glauben manche, die durch die künstliche Beschneiung verursachten CO2-Emissionen damit rechtfertigen zu können, dass Hunderte von zusätzlichen Straßenkilometern vermieden werden, da Skifahrer aus den Tälern nicht in besser beschneite Skigebiete fahren müssen. Wenn der berühmte Strauß seinen Kopf in einen Haufen Kunstschnee steckt…