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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Völlige Verleugnung

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe April 2022
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Im Gegensatz zu Shell, BP und Exxon, die ihren Rückzug aus dem russischen Markt angekündigt haben, ist ihr französischer Konkurrent Total in den letzten Wochen durch seine Hartnäckigkeit aufgefallen, seine Aktivitäten in diesem Land fortzusetzen. Da die negativen Auswirkungen einer Fortsetzung der Geschäftstätigkeit auf das Image für jeden dieser Großkonzerne zweifellos vergleichbar sind, dürften die angelsächsischen Unternehmen den dringenden Aufforderungen der amerikanischen und britischen Regierungsvertreter nachgegeben haben, während die französische Regierung ihrem Vorzeigeunternehmen eindeutig freie Hand gelassen hat. Der im CAC40 notierte Konzern, der im vergangenen Jahr angekündigt hatte, sich durch die Umbenennung in TotalEnergies „neu erfinden“ und künftig auf erneuerbare Energien setzen zu wollen, bestätigt anlässlich des Krieges in der Ukraine, dass er nach wie vor ein unverbesserlicher Umweltverschmutzer ist.

Geht es Total lediglich darum, seine Investitionen in Russland – das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen – um jeden Preis zu sichern und damit seine Aktionäre zu schützen? Ein Projekt im Osten Afrikas lässt diese Argumentation jedoch ins Wanken geraten. Während alle Augen auf Mariupol und Butscha gerichtet sind, arbeiten Total und sein chinesischer Partner CNOOC weiter am Bau einer Ölpipeline, der EACOP (East African Crude Oil Pipeline), einer 1.445 km langen, beheizten Leitung, die die Ölfelder Ugandas mit einem tansanischen Hafen verbindet und fünf Milliarden Dollar kostet. Der Baubeginn war ursprünglich für 2016 geplant, doch die Projektträger peilen nun das Jahr 2025 für die Inbetriebnahme an. Dann sollen täglich bis zu 216.000 Barrel Rohöl durch die Pipeline fließen.

Dank der von Greta Thunberg initiierten internationalen Mobilisierung ist es jungen afrikanischen Klimaaktivisten in den letzten Jahren gelungen, sich mit Aktivisten in den Industrieländern zu vernetzen. Hilda Flavia Nakabuye, Gründerin von „Fridays for Future Uganda“, nahm im Rahmen der Initiative „StopEACOP“ an Demonstrationen gegen die Ölpipeline in Berlin und Paris teil und konnte so bezeugen, dass dieses Projekt in ihrem Land keineswegs auf einhellige Zustimmung stößt.

In einem kürzlich in „Le Monde“ erschienenen Gastbeitrag, in dem die Einstellung des Projekts gefordert wurde, prangerten Matthieu Orphelin und siebzehn weitere französische Abgeordnete die ihrer Ansicht nach durch EACOP ausgehende unmittelbare Gefahr einer Verschmutzung des Viktoria- und des Albertsees an, die für vierzig Millionen Menschen eine Quelle für Trinkwasser und Nahrung darstellen. Die Ölpipeline, diese „wahre Klimabombe“, wäre langfristig für Emissionen in Höhe von insgesamt 34 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr verantwortlich, was dem Sechsfachen der CO2-Emissionen Ugandas entspricht, betonten sie.

Nicht nur, dass Total das Massaker an ukrainischen Zivilisten durch die russische Armee ignoriert, indem es sich in der Russischen Föderation einnistet, sondern verteidigt Total in Afrika weiterhin ein Projekt, das angesichts der Klimakrise nicht nur völlig anachronistisch ist, sondern auch empörend, da es durch einige der artenreichsten Naturschutzgebiete der Welt führen würde, in denen (noch) Elefanten, Löwen und Schimpansen in Hülle und Fülle leben, und eine Region der Welt, die von der Ölförderung noch relativ verschont geblieben ist, in eine Logik der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zwingen würde.