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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Vollgas für das Klima

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Oktober 2022
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Die mit fossilen Brennstoffen verbundene Sprache ist in unserer Kultur so allgegenwärtig, dass zur Veranschaulichung der Schwere der Klimakrise häufig Bilder herangezogen werden, die eng damit verbunden sind. Angefangen bei „wir fahren gegen die Wand“, einer knalligen Metapher für den fatalen Kurs, auf den sich die thermo-industrielle Zivilisation begeben hat. Die Ausdrücke „wir geben weiter Gas“ oder „wir fahren mit Vollgas“ verweisen auf unseren unstillbaren Wachstumsdrang. Angesichts der Tatsache, dass derzeit 99 von 100 Fahrzeugen weltweit mit Kohlenwasserstoffen betrieben werden, gibt der Gebrauch dieser Bilder Anlass zur Sorge: Es ist, als wären wir schon allein durch die Wahl der Worte unwiderruflich in einem Ölteich gefangen.

Die Welt des Segelsports, einer vorbildlich erneuerbaren Antriebsart, bietet jedoch alles, was man an aussagekräftigen Metaphern braucht, um über die Krisen zu sprechen, die wir gerade durchleben, und über die Manöver, die uns zur Verfügung stehen, um sie zu überwinden. Die Weggabelung, dieser radikale Kurswechsel, auf den wir schon so lange warten, lässt sich somit als Wende beschreiben: Jeder in der Crew muss mitwirken, damit alle Segel des Bootes auf die gegenüberliegende Seite des Bootes wechseln. Sobald der neue Kurs festgelegt ist, legt sich das Boot auf der anderen Seite ins Wasser und bietet einen neuen Horizont: eine kontrollierte Neuausrichtung, die es ermöglicht, sich dem Ziel anzunähern, selbst wenn Wind, Strömung oder Seegang entgegenwirken.

Das Halsen, ein Kurswechsel, der erfolgt, wenn der Wind aus einem der hinteren Quadranten weht, ist riskanter: Wenn der Übergang auf die andere Seite nicht kontrolliert erfolgt, kann er so plötzlich und heftig sein, dass Segler ins Meer geschleudert werden oder es zu Materialschäden oder sogar zum Kentern kommt. Angesichts der uns drohenden Mehrfachkrisen veranschaulicht das Halsen sehr gut das Risiko, dass unvorhergesehene Störungen – wie entfesselte Naturgewalten – die gesellschaftliche Ordnung abrupt durcheinanderwirbeln, ohne dass zwangsläufig ein neuer Kurs festgelegt wurde.

Wenn ein Segelboot bei zunehmendem Wind mit vollen Segeln dahinsaust – was unseren Kurs in Richtung Katastrophe gut veranschaulicht –, muss man die Segel fieren oder Reffs setzen, das heißt die Segelfläche verringern. Dies verweist auf die unverzichtbare Bescheidenheit, die die Welt als Leitlinie annehmen muss, um die verhängnisvolle Spirale des Hyperkonsums zu durchbrechen. Bei einem schweren Sturm muss man die Segel sogar vollständig einholen oder – um manövrierfähig zu bleiben – einige davon durch eine oder mehrere Sturmsegel aus strapazierfähigerem Stoff ersetzen. Im Gegensatz zu den Bildern aus der Welt des Automobils, die von Individualismus und Benzindämpfen geprägt sind, suggerieren die aus dem Segelsport stammenden Bilder, dass ein Kapitän die Handgriffe der Besatzung mit kühlem Kopf koordiniert, deren Mitglieder in Eile und in manchmal gefährlichen Situationen handeln, wobei sie gleichzeitig auf ihre eigene Sicherheit achten.