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Gesellschaft 6 Min. Lesezeit

Unmögliche Wege aus der Krise

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Oktober 2021
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Als die Welt im vergangenen Jahr von einem neuen Coronavirus erschüttert wurde, glaubten diejenigen, die sich schon seit Ewigkeiten die Kehle heiser geredet hatten, um eben diese Welt dazu zu bewegen, das Ausmaß der Klimabedrohung ernst zu nehmen, sich erleichtert fühlen zu können. Angesichts der recht radikalen Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen und ein Massaker zu verhindern – mit einem beispiellosen Einsatz der Behörden und finanzieller Mittel sowie einer oft starken Solidarität unter den Bürgern –, atmeten viele erleichtert auf und sagten sich: Wenn wir in der Lage sind, unsere Lebensweise innerhalb weniger Wochen zu ändern, um dieser globalen Gefahr zu begegnen, dann werden wir auch endlich in der Lage sein, gemeinsam – wie es sich gehört – auf die Störung des globalen Gleichgewichts zu reagieren.

Die Gesundheitsstrategien wurden fast ausschließlich auf nationaler Ebene konzipiert und umgesetzt, und zwar auf sehr unterschiedliche und nicht aufeinander abgestimmte Weise, mit äußerst unterschiedlichen erklärten Zielen. Nach anderthalb Jahren blicken die meisten Länder heute im Rückblick auf eine etwas unberechenbare Abfolge von Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit (Vorgabe von Schutzmaßnahmen, Test- und Impfkampagnen, Lockdowns und andere Einschränkungen) sowie von Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaftsakteure, deren Ausmaß mit den Dogmen der Wirtschaftspolitik völlig unvereinbar ist. Auch wenn nach wie vor erhebliche Risiken eines Wiederaufflammens der Pandemie bestehen, kann man dennoch mit Fug und Recht sagen, dass das Schlimmste abgewendet wurde und sich die Aussicht auf einen positiven Ausweg aus der Krise eröffnet, bei dem der Rückgang der Krankheit – lassen wir uns träumen – mit dem Beginn einer koordinierten und groß angelegten Klimaschutzinitiative zusammenfallen könnte.

Eine solche positive Entwicklung scheint heute jedoch weitaus stärker gefährdet zu sein als noch vor einigen Monaten. Damit ein solcher Ausweg aus der Krise überhaupt denkbar ist, ist ein relativ breiter Konsens über die Gesundheits- und Klimapolitik eine wesentliche Voraussetzung. Im Gesundheitsbereich ist jedoch eher der gegenteilige Trend zu beobachten: Instrumentalisiert von den rückständigsten Kräften in unseren Gesellschaften, werden karikaturistische Vorstellungen von individueller Freiheit in den sozialen Netzwerken verstärkt und drohen, den Brunnen endgültig zu vergiften, aus dem unsere Gesellschaften die gemeinsamen Bezugspunkte schöpfen sollen, die sowohl für die Bewältigung der Risiken der Pandemie als auch für den Ausweg aus dem thermo-industriellen Wahnsinn notwendig sind.

Während immer mehr Enthüllungen über die schädliche Rolle der von Mark Zuckerberg kontrollierten sozialen Netzwerke bei der algorithmischen Verstärkung von Empörung und Übertreibungen ans Licht kommen, einschließlich der Zusammenfassung dieser zusammengewürfelten Protestbewegungen gegen die Gesundheitsmaßnahmen. Und auch wenn ein Teil der dort versammelten Personen Telegram zur Organisation bevorzugt, werden die meisten Fake-News zum Thema Gesundheit doch über Facebook verbreitet. Um zu verhindern, dass ihre Anti-Covid-Maßnahmen in den trüben Gewässern der Empörung versinken – die den Gewinn von Facebook antreibt –, müssen die Regierungen heute versuchen, das Unternehmen mit seinen 2,9 Milliarden Nutzern unter Kontrolle zu bringen…

Wenn man angesichts der USA unter Trump oder Brasiliens unter Bolsonaro, die in beiden Bereichen völlig daneben lagen, sich noch damit trösten konnte, auf Regimewechsel zu setzen, die diese Länder wieder zu einer vernünftigen Politik zurückführen könnten, wird diese Hoffnung heute durch den Vormarsch der individualistisch-verschwörungstheoretischen Strömungen zunichte gemacht. Sie idealisieren einen Pappmaché-Freien Willen, auf den in der Praxis kein in der Gesellschaft lebender Mensch Anspruch erheben kann, und verbreiten aus Misstrauen und Unwissenheit erschütternde Unwahrheiten, sorgfältig manipulierte Statistiken und ausgewählte oder gar erfundene Anekdoten verbreiten, um medizinische und wissenschaftliche Argumente zu untergraben – nehmen Corona-Skeptiker, Impfgegner, Schwurblerei-Anhänger und andere „Querdenker“ mittlerweile einen solchen Platz in den Debatten ein, dass der Horizont völlig verdeckt erscheint.

Nicht, dass diese Protestbewegungen irgendein schlüssiges Programm zu bieten hätten: Sie sind äußerst uneinheitlich und gleichen die Sinnlosigkeit und Inkohärenz der Ansätze, aus denen sie sich zusammensetzen, durch geschickte Inszenierungen und reißerische Parolenund bieten denjenigen, die sich in ihren oberflächlichen Stammtischdiskussionen suhlen, die Möglichkeit, sich in einem poujadistischen Misstrauen gegenüber den Regierenden zu vereinen. Da es sich um „breite Bündnisse“ handelt, finden sich unter denjenigen, die sich dieser Welle des Misstrauens anschließen, auch Vertreter der extremen Linken, die sich daran ergötzen, die geheimen Absprachen der medizinischen Eliten mit Big Pharma anzuprangern, und das alles unter dem wohlwollenden Blick der Regierenden, die im Sold dieser stehen, während die Aktivisten der extremen Rechten die günstige Gelegenheit wittern, die Instinkte ihres Publikums zu schmeicheln, indem sie eine Sichtweise auf das Virus verbreiten, wonach es, wie der Schriftsteller und Arzt Christian Lehmann in der „Libération“ formulierte, „nur die Schwachen befällt ; ich vertraue meinem Immunsystem, sollen sich die Schwachen doch isolieren oder daran zugrunde gehen, das ist das Naturgesetz“.

Auch wenn diese individualistischen Verschwörungstheoretiker eine bunte Gruppe bilden, sind sie sich doch in der Forderung nach einer raschen Rückkehr zur Normalität à la „Freedom Day“ einig, während Ärzte und Epidemiologen den politischen Entscheidungsträgern im Gegenteil raten, die Wachsamkeit nicht zu schnell zu verringern. Zwar besteht die Hoffnung, dass ihr Geschrei den Rest der Gesellschaft nicht daran hindert, letztendlich die Oberhand über das Coronavirus zu gewinnen, doch ganz anders verhält es sich mit ihren potenziellen Auswirkungen auf den Klimaschutz. Wenn die Teilnehmer beispielsweise erklären, dass eine Impfpflicht gegen die grundlegenden Menschenrechte verstößt (unter Missachtung der Wissenschaft, aber auch des Begriffs der Menschenrechte selbst), legen sie die Messlatte für die gesellschaftliche Akzeptanz so hoch, dass es schwer vorstellbar ist, dass Regierungen den Mut aufbringen, beispielsweise – wie sie es eigentlich sollten – das baldige Aus für Verbrennungsmotoren anzukündigen.

Denn genau das ist nun die Gleichung, vor der die Regierungen stehen: die Gesundheitsbeschränkungen schrittweise zu lockern – und zwar in einem Tempo, das neue Infektionswellen ausschließt – und gleichzeitig die Öffentlichkeit auf Klimaschutzmaßnahmen vorzubereiten, die – wenn sie überhaupt Wirkung zeigen sollen – von jenen, die sich an den Anti-Covid-Maßnahmen die Zähne geschärft haben, zwangsläufig als unbegründet und freiheitsfeindlich wahrgenommen und kritisiert werden. Nachdem es den Zweifelsschürern gelungen ist, in weiten Teilen der Gesellschaft ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der Fundiertheit der Klimawissenschaft und der Erderwärmung zu schüren (nach dem Motto „Das Klima hat sich schon immer verändert“), was wirksam dazu beigetragen hat, den Klimaschutz zu bremsen oder gar lahmzulegen, wird die gewaltige Flut an Falschmeldungen, die durch Covid ausgelöst wurde, die Aufgabe noch schwieriger machen, diese widerspenstige Öffentlichkeit, die sich selbst als aufgeklärt betrachtet, von der Berechtigung von Maßnahmen zu überzeugen, die von der Notwendigkeit inspiriert sind, unsere Treibhausgasemissionen sehr schnell zu reduzieren.