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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Gesucht: mutige Führungskräfte – dringend

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe März 2022
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Nach Kriegsausbruch, nachdem die erste Fassungslosigkeit überwunden ist, ist es Zeit zu handeln. Doch im Gegensatz zu den strategischen Grundsätzen, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts galten, findet dieses Handeln nun in einem ganz besonderen Kontext statt, in dem jede Entscheidung sowohl kurz-, mittel- als auch langfristigen Überlebenskriterien gerecht werden muss. Das ist das Besondere an der Klimakrise: Sie ist äußerst komplex, da sie empfindliche biophysikalische Gleichgewichte bedroht, aber zugleich von brutaler Einfachheit ist, da sie viele unserer als unüberwindbar geltenden Probleme auf unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und unser darauf basierendes Wirtschaftsmodell zurückführt.
Auch wenn die westlichen Regierungen – zumindest dem Anschein nach – begriffen haben, dass die Zeit des Zögerns vorbei ist, fällt es ihnen dennoch schwer zu begreifen, dass selbst in Kriegszeiten die von ihnen ergriffenen Maßnahmen sowohl unmittelbare Probleme beheben müssen – uns so schnell wie möglich von den von Russland verkauften Kohlenwasserstoffen unabhängig machen – als auch den Weg für eine Abkehr von unserem thermoindustriellen System ebnen müssen. Autofahrern Rabatte an der Tankstelle zu gewähren, wie es Deutschland und Frankreich tun, ist das perfekte Beispiel für eine klimaschädliche und sozial ungerechte Maßnahme: Sie zementiert die auf Verbrennungsmotoren basierende individuelle Mobilität und kommt dabei vor allem den Wohlhabenden zugute, die die spritfressendsten Autos fahren.

Man muss sich die Augen reiben, wenn man sieht, wie Robert Habeck, der deutsche Wirtschafts- und Klimaminister von den Grünen, verkündet, dass sein Land im Namen der Versorgungssicherheit den Kohleabbau wohl verlängern wird. Ebenso erschreckend ist es, Patrick Pouyanné, den Vorstandsvorsitzenden von Total, behaupten zu hören, sein Unternehmen setze seine Aktivitäten in Russland mit Zustimmung des Élysée-Palasts fort. Nach dieser Logik könnte jeder Machthaber, der über fossile Energievorräte verfügt, ab sofort seinen kleinen oder großen Krieg schmieden, um sich nicht nur die weitere Vermarktung seiner Rohstoffe zu sichern, sondern auch den Preis seiner Ware in die Höhe zu treiben.

Fernab von den Ausflüchten, mit denen seit Jahrzehnten versucht wird, Zeit zu gewinnen und den Status quo der fossilen Energieversorgung aufrechtzuerhalten, stellt der Krieg in der Ukraine unsere Politiker vor eine entscheidende Herausforderung: Um konsequent auf das Leid der ukrainischen Bevölkerung und die Klimakrise zu reagieren, müssen sie den Wachstumsfetischismus und dessen logische Folge – halbherzige Klimaschutzmaßnahmen und Kompromisse mit den oft diktatorischen Lieferanten von Öl, Gas oder Kohle – endgültig ad acta legen. Anstatt zu einem Vorwand zu werden, um kaum angekündigte Emissionsreduktionsziele aufzugeben, anstatt des unwürdigen, kleinlichen Hin und Her, das wir derzeit erleben, bietet der unmenschliche Beschuss, dem die Ukrainer ausgesetzt sind, den europäischen Staats- und Regierungschefs die Chance, endlich eine Rolle zu übernehmen, die diesen immensen Herausforderungen gerecht wird.