Man glaubte, der deutsch-französische Motor Europas sei ins Stocken geraten, und nun läuft er wieder auf Hochtouren – pardon, auf Hässlichkeitstour. Der voraussichtliche künftige deutsche Bundeskanzler und der sehr wahrscheinliche künftige ehemalige französische Premierminister haben sich nämlich darauf geeinigt, das Ausland über die Grenzen hinauszudrängen, und treiben, jeder für sich, die Einwanderer in die Hände der extremen Rechten. Auf der linken Rheinseite stirbt die republikanische Front unaufhörlich einen qualvollen Tod, auf der (sehr) rechten Rheinseite bricht die Brandmauer unter den Axthieben (mit einem großen H wie Geschichte, hätte Georges Perec gesagt) von Friedrich Merz und seinen Quasi-Verbündeten der AfD zusammen. Sein Antrag für das Zustrombegrenzungsgesetz erhielt die Stimmen der Faschisten der blonden Weidel, und Bayrous Warnung vor der „migratorischen Überflutung“ wurde von der nicht minder blonden Le Pen mit Beifall aufgenommen. Witze über Blondinen waren schon immer fragwürdig, die Wellen der Blondinen werden jedoch schmerzhaft. Mehr denn je gilt es heutzutage, lieber blond und weiß zu sein als lockig und dunkelhäutig.
Halten wir einen Moment bei den Begriffen „Brandmauer“ und „Front républicain“ inne. Die Deutschen legen den Schwerpunkt auf die Verteidigung, während die Franzosen den Angriff in den Vordergrund stellen. Die Psychologie der Völker, falls es sie überhaupt gibt, kommt nirgendwo besser zum Ausdruck als in der Sprache und … in den Stadien. Die deutsche Nationalmannschaft gewinnt im Fußball durch Verteidigung und Einsatz, die französische durch Angriff und Elan. Auf der einen wie auf der anderen Seite würde man ohne die Einwanderer nicht lange durchhalten. Und auf der einen wie auf der anderen Seite ist man dabei, das Spiel um die Bewahrung der Demokratie und des Rechtsstaats zu verlieren. Es stimmt zwar, dass die Rollen im letzten Weltkrieg genau umgekehrt waren. Aber es stimmt auch, dass die Maginot-Linie damals genauso schnell zusammenbrach wie heute die Brandmauer.
Hat Merz nicht gerade erst großspurig verkündet, dass der Rechtsstaat nicht unantastbar sei, und haben Macron und seine Handlanger aus dem ehemaligen Borne-Team nicht ihr Einwanderungsgesetz durchgebracht, obwohl sie genau wussten, dass der Verfassungsrat die rote Karte zücken würde, um die undemokratischsten Maßnahmen zu sanktionieren? Bayrou verliert gerade seine Seele, indem er bei der AME, der staatlichen medizinischen Versorgung für Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung, Kürzungen vornimmt und – gelinde gesagt – das Territorialitätsprinzip anpasst, beginnend mit Mayotte, diesem Übersee-Departement, das er bereits – durch einen aufschlussreichen Versprecher – außerhalb der Grenzen des französischen Festlands abgrenzte. In Deutschland scheint ein Monat vor den Wahlen der großzügige Elan des Vormerz, dieses zwei Jahrhunderte alte vorrevolutionäre Geist, endgültig vorbei zu sein, trotz der Rufe der Altkanzlerin, die wider Willen auf die passende und vorausschauende Rolle einer engelhaften Kassandra reduziert wurde. Ihr „Wir schaffen das“ ist unter den Hieben von CDU, CSU und AfD zu einem „Wir schaffen das ab“ geworden!
Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass Einwanderung eine Chance und kein Unglück ist. Länder, die ihre Stärke und ihren Reichtum der Einwanderung verdanken – wie Frankreich und die Vereinigten Staaten, Sie wissen schon –, sollten sich daran erinnern, bevor sie ihr Territorialitätsprinzip untergraben. Diese extreme Rechte, die den biologischen Darwinismus verabscheut und den Sozialdarwinismus bejubelt, sollte wissen, dass Einwanderer dem Aufnahmeland ein gesundes und kräftiges genetisches Kapital bringen. Die natürliche Auslese hat nämlich ihr Werk vollbracht, indem sie diejenigen aussortiert hat, die auf See ums Leben gekommen sind, sowie diejenigen, die zu schwach, zu alt, zu krank oder zu feige sind, um ihr Land zu verlassen. Daher mein Rat an Politiker und Zauberlehrlinge: Seien wir egoistisch, nehmen wir die Einwanderer auf! Denn Großzügigkeit ist nie so wirksam wie dann, wenn sie den eigenen Interessen dient. In anderen Zeiten hätte man das als positive Eugenik bezeichnet.
Auch in Luxemburg, das sich im 19. Jahrhundert von einem armen Auswanderungsland zu einem reichen Einwanderungsland im 20. Jahrhundert gewandelt hat, geben sich die Selbstmörder der Koalition nach Herzenslust hin – oder besser gesagt: aus traurigem Grund. Hand in Hand, Faust an Faust, verkünden die Minister für Einwanderung und Familie mit unverhohlenem Stolz, dass ihr Einwanderungsprojekt der Leuchtturm ihrer Politik sei. Tja, im Ministerium für innere Sicherheit hat man eben die Leuchttürme, die man hat. Dieser „Leuchtturm“ wirft jedoch ein recht fades Licht auf das Paradoxon, dass man den Deutschen vorwirft, ihre Grenzen für die „guten“ Grenzgänger zu schließen, während man ihnen nacheifert, indem man die eigenen Grenzen für die „schlechten“ Einwanderer verschließt. Und ein grelles Licht auf die finanziellen Geschenke, die der Finanzminister großzügig an „Talente“, vermögende Privatpersonen (HNWI) und andere Steuerflüchtlinge verteilt.
Aber was ist denn bloß passiert, dass das schöne und großzügige Wort „Asyl“ heute zum Synonym für Mauern geworden ist, die die ehemaligen psychiatrischen Anstalten und die neuen Schengen-Grenzen säumen? Was ist geschehen, dass der Reisepass zu einem Fetisch geworden ist, obwohl alle Länder ihn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich abgeschafft hatten? Nun, Nostalgie und Angst haben hier ihre Spuren hinterlassen. Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies, das es nie gegeben hat, Sehnsucht nach dem Refrain „Mir wëlle bleiwe wat mer waren“, Angst vor dem Anderen, der tief in jedem von uns schlummert, Angst, die das Gefühl nährt, das Bayrou in Bezug auf die Einwanderung so ungeschickt angesprochen hat. Dieses Gefühl ist jedoch trügerisch, wie uns der Wetterbericht jeden Tag in Erinnerung ruft, der uns mit den gefühlten Temperaturen überschüttet. Und das Gefühl verwandelt sich sehr schnell in Groll. Mit anderen Worten: Gefühle lügen.