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Gesellschaft 5 Min. Lesezeit

Risikobehaftete CO₂-Budgets

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe August 2021
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Kohlenstoffbudgets sind zu einem allgegenwärtigen Begriff in der Debatte über den Klimawandel geworden. Sie leiten sich aus den Berechnungen von Klimaforschern ab und werden in der Regel wie folgt formuliert: Um eine angemessene Wahrscheinlichkeit zu haben, die globale Erwärmung der Atmosphäre unter 1,5 Grad oder zwei Grad Celsius zu halten, darf die Menschheit bis zum Jahr 2030, 2050, 2060 oder sogar 2100 ausstoßen. Die Maßeinheit ist die Gigatonne Kohlendioxid. Im nächsten Schritt wird diese Zahl durch die Anzahl der verbleibenden Jahre geteilt, um die jährlich zulässige Emissionsmenge zu ermitteln.

Ursprünglich waren CO₂-Budgets ein nützliches und sehr wirksames Kommunikationsinstrument, um die Herausforderungen des Klimawandels einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen. Nach und nach – zweifellos auch deshalb, weil die Politiker, an die sich die Empfehlungen der Wissenschaftler richten, es gewohnt sind, mit den öffentlichen Finanzen zu jonglieren – hat der Begriff eine zentrale Rolle bei der Formulierung klimapolitischer Ziele eingenommen. Allerdings lässt die gängige Verwendung des Begriffs die zahlreichen konzeptionellen Entscheidungen im Hintergrund, die getroffen werden müssen, bevor die eigentliche Berechnung erfolgen kann.

Erste zu klärende Frage: Stützt man sich auf ein Erdsystemmodell (Earth System Model, ESM) oder auf ein integriertes Bewertungsmodell (Integrated Assessment Model, IAM)? Welchen Stellenwert haben bei diesen Berechnungen die tatsächlichen Beobachtungen? Wird dabei ein Szenario vom Typ „Representative Concentration Pathway“ (RCP) herangezogen? Wurden sie in das internationale Modellvergleichsprojekt CMIP5 (Coupled Model Intercomparison Project Phase 5) integriert?

Bevor man zur eigentlichen Berechnung übergehen kann, müssen noch weitere Fragen geklärt werden. Auch wenn man sich mittlerweile allgemein darauf geeinigt hat, eher das 1,5-Grad-Ziel als das 2-Grad-Ziel zu verwenden (beide sind im Pariser Abkommen genannt), bleibt jedoch zu klären, ob die zugewiesenen Emissionsbudgets darauf abzielen, eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent zu gewährleisten, unter dieser Temperatur zu bleiben, oder eher eine Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent. Die Modellierung muss auch die keineswegs nebensächliche Frage beantworten, was geschieht, sobald dieses Ziel erreicht ist: Gibt man sich damit zufrieden, dieses Ziel zu erreichen, auch wenn die Temperatur danach weiter ansteigt, oder wird in die Berechnung des CO₂-Budgets die Notwendigkeit einbezogen, die globale Durchschnittstemperatur anschließend zu stabilisieren oder zu senken?

Je nach den Antworten auf diese Fragen führen die daraus resultierenden Berechnungsmethoden zu bemerkenswert weit auseinanderliegenden Spannen. Auf den ESM basierende Prognosen legen nahe, dass die verfügbaren Emissionsbudgets bereits aufgebraucht sind und wir daher von heute auf morgen auf Null-Emissionen umsteigen müssten. Andere Berechnungen, die zusätzlich Beobachtungsdaten einbeziehen, würden es uns ermöglichen, noch bis zu etwa 500 Gigatonnen CO₂ zu emittieren. Dies ist auch die Größenordnung, die Berechnungen unter Verwendung von IAM nahelegen.

Ein Standpunkt, über den offenbar ein recht breiter Konsens herrscht, ist, dass Ende letzten Jahres noch ein Gesamtbudget von etwa 440 Gigatonnen CO₂ zur Verfügung stand. Doch trotz der zunehmenden Verpflichtungen der Unterzeichnerstaaten des Pariser Abkommens, bis Mitte des Jahrhunderts ein Netto-Null-Ziel zu erreichen, sieht es so aus, als wäre dieses Budget auf unserem derzeitigen Kurs bereits Ende dieses Jahrzehnts praktisch aufgebraucht.

Unabhängig von den zugrunde gelegten Annahmen und Zeithorizonten stellt das daraus resultierende Budget eine derart strenge Reduktionsvorgabe dar, dass zur Einhaltung dieser Vorgabe der Einsatz von CO₂-Abscheidungstechniken systematisch in die Prognosen zu den Dekarbonisierungsbemühungen einbezogen wird: Man möchte – bewusst oder unbewusst – vermeiden, den Ländern Auflagen aufzuerlegen, die als unverhältnismäßig und damit undurchführbar empfunden werden. Dass derzeit noch unklar ist, ob diese Abscheidungstechniken überhaupt eine Chance haben, rechtzeitig und in ausreichendem Umfang eingesetzt zu werden, scheint kaum jemanden zu stören.

Auch wenn nationale Grenzen im Zusammenhang mit Treibhausgasen nur von begrenzter Bedeutung sind, ist es doch so, dass nach der Verabschiedung eines globalen CO₂-Budgets zunächst ein Verteilungsschlüssel zwischen den Ländern vereinbart werden muss, um für jedes Land sein nationales Budget zu berechnen. Soll der Verteilungsschlüssel auf der Bevölkerung jedes Staates basieren? Berücksichtigt er die historische Verantwortung für Emissionen, oder ist es besser, einfach zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern zu unterscheiden? Da die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre kumulativ ist (das ausgestoßene Kohlendioxid verbleibt dort mehrere hundert Jahre), erscheint es jedenfalls logisch, zumindest teilweise die Emissionen der Vergangenheit zu berücksichtigen. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass das Pariser Abkommen vorsieht, dass die Unterzeichnerstaaten ihre Ziele selbst festlegen, wodurch die CO₂-Budgets – zumindest vorerst – lediglich einen rein indikativen Charakter haben.

Wie man sieht, gibt es zahlreiche, heikle und zum Teil sogar politisch hochbrisante Fragen, die geklärt werden müssen, bevor jedem Land Mittel zugewiesen werden können. Auch wenn in den Diskussionen über die Klimapolitik von CO₂-Budgets gesprochen wird, als handele es sich um eine ausgemachte Sache, um eine Zahl, die sich direkt aus den Arbeiten der Klimaforscher ableiten lässt, sollte man sich stets ihres eminent konventionellen Charakters bewusst sein, ebenso wie der mitunter gewagten methodischen Annäherungen und der holprigen diplomatischen Kompromisse, die für ihre Verabschiedung eingegangen werden müssen.

Vielleicht wird man in einigen Jahren zu dem Schluss kommen, dass angesichts der katastrophalen politischen Verzögerungstaktiken, mit denen er verbunden ist, der Begriff der „Kohlenstoffbudgets“ selbst das perfekte Beispiel für eine scheinbar gute, aber in Wirklichkeit schlechte Idee ist. Sollte sich herausstellen, dass sie in erster Linie von unseren unverantwortlichen Politikern dazu genutzt werden, sich ihrer Verantwortung zu entziehen, wäre es zweifellos besser, das Konzept zu gegebener Zeit zu überarbeiten, um es zu stärken, oder es sogar ganz zugunsten sofortiger Maßnahmen aufzugeben, sollte sich dies als unmöglich erweisen.