Während manche mitten im Oktober noch in ihren immer noch warmen Pools planschten, bekamen die Grünen eine kalte Dusche. Indem sie Bausch mit dem Badewasser ausschütteten, ließen die Wähler die Grünen ebenso zusammenbrechen wie das Klima. Diese Niederlage der Ökos ist nicht nur paradox, sie ist auch gefährlich. Es ist nämlich nie gut, den Boten zu erschießen. Aber wie lässt sich diese regelrechte kognitive Dissonanz erklären, die uns selbst in unseren gemäßigten Klimazonen die Klimakrise spüren lässt und uns gleichzeitig dazu bringt, die wenigen Politiker zu „bestrafen“, die gegen das Aussterben der Menschheit kämpfen? Die Grünen von Tanson und Bausch haben jedoch viel großzügiger mit dem Zuckerbrot (Prämien, Steuererleichterungen, kostenloser öffentlicher Nahverkehr usw.) als mit der Peitsche (Verbote und andere Gebote) umgegangen. Diejenigen, die mit einem Auge nach Deutschland blicken, beschimpfen sie jedoch als die Partei der „Verbote und Gebote“, während ihre Aktivisten der ersten Stunde ihnen – nicht unbedingt zu Unrecht – vorwerfen, sich wie das Klima gewandelt zu haben und insbesondere zu sehr mit dem Militär gespielt zu haben. Tatsache ist jedenfalls, dass die vier 1989 gewonnenen Sitze ein Sieg waren, während die vier 2023 geretteten Sitze sehr wohl eine Niederlage darstellen. Andere Zeiten, andere Sitten.
Xavier Bettel, der künftige Ex-Ministerpräsident, genießt seine (relative) Pyrrhussieg-Niederlage. Man hatte am Sonntagabend fast den Eindruck, er sei glücklich darüber, sich von der wenig glamourösen Last zu befreien, in diesen Krisenzeiten die Regierung zu führen, und stattdessen das glamouröse Amt des Aussenministers übernehmen zu können. Sozialdemokraten und Grüne waren die nützlichen Komplizen, um die Fenster weit zu öffnen und die notwendigen gesellschaftlichen Fortschritte voranzutreiben (Trennung von Kirche und Staat, Gesetzgebung insbesondere in den Bereichen Sexualität, Justiz und Drogen); zusammen mit der CSV können sich die Liberalen endlich den ernsten Themen widmen und Frieden mit der Welt der Finanzen und des Kapitals schließen. „Frieden den Palästen, Krieg den Hütten“, paraphrasieren sie bereits den Dichter Büchner.
Als man am Sonntagabend hörte, wie die mittlerweileige Vorsitzende der Sozialisten unverhohlen um Frieden warb, um zum x-ten Mal am Tisch der Koalition mitzuessen, wurde klar, warum die LSAP die Partei mit der längsten Regierungszeit des letzten halben Jahrhunderts ist – weit vor der CSV. Es ist ebenso beunruhigend wie seltsam, dass eine sogenannte linke Partei „Schnittstellen“ mit dem christlich-sozialen Programm findet, das wirtschaftlich doch das rechtsste ist, das diese Partei in den letzten Jahrzehnten vorgelegt hat. Die „Mame Luc“ sind nicht mehr die „Mame Juncker“: Die Ersteren sind mit den Liberalen auf einer Wellenlänge, die Letzteren zogen es vor, die Sozialisten zu schikanieren.
Geben wir es ohne falsche Eifersucht zu: Lucky Luc hat mit diesem allgegenwärtigen und äußerst gelungenen Plakat zweifellos den Image-Kampf gewonnen, aber ja, ein alter Has-been, der als dynamischer und kompetenter Führungskraft, idealer Schwiegersohn, verständnisvoller Vater und Kneipenkumpel dargestellt wird – alles zugleich, wie Macron sagen würde –, während die Porträts von Bausch und Tanson als „Elder Statesmen“ auf Seriosität und Kompetenz setzten. Auf dem im Dreiviertelprofil aufgenommenen Foto neigt Luc den Kopf gerade so weit nach hinten, dass es die Erfahrung unterstreicht, während er wie die Mona Lisa in die Zukunft blickt, die – so Lucs Überzeugung – für die große Mehrheit singen wird, die sich leider höchstwahrscheinlich auf einige wenige Glückliche beschränken dürfte. Am Sonntag wurden die Wahlen durch Kommunikation gewonnen und nicht durch Wortgefechte und Aufklärung.
Und ganz nebenbei im Einklang mit dem Zeitgeist, genährt von Sorgen vor dem Hintergrund von Krieg und Inflation. Auch von der Angst vor dem Anderen, vor dem Hintergrund der Sehnsucht nach einem Luxemburg von einst, das es nie gegeben hat. Die ADR hat, genau wie ihre Komplizen von der AfD in Hessen und Bayern, Sitze gewonnen, indem sie den Refrain „Mir wëlle bleiwe wat mer ni waren“ sang. Auf beiden Seiten der Mosel gab die extreme Rechte vor, nostalgische Stimmen, die sich nach dem Dritten Reich sehnen, in ihren Reihen zum Schweigen zu bringen, und es ist sehr zu befürchten, dass ihr Erfolg nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Ausrutscher erzielt wurde. Ach ja, auch die Piraten haben einen Sitz dazugewonnen. Ist es dann besser, für Kandidaten zu stimmen, die gefährliche Ideen haben, als für Politiker, die überhaupt keine haben und sich damit begnügen, zu bellen, wenn die Karawane vorbeizieht? Da die Zeiten von Nostalgie geprägt sind, wagen wir doch ein Bild aus der Vergangenheit: Der Wielerwëllen ist unergründlich wie das Herz einer Frau. Und hoffen wir: ebenso wankelmütig. In der Zwischenzeit wird die neue Opposition bunt und vielfältig sein, mit progressiven Kräften auf der linken Seite des Plenarsaals – der eigentlich gar keiner ist –, die sich endlich nicht mehr dafür entschuldigen werden, die Grünen zur Blüte zu bringen.