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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Neopragmatismus

Chronik der Notlage

Erschienen in Ausgabe Dezember 2023
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Von all den Tricks, auf die die Verleugner und Untätigen zurückgreifen, hat der Pragmatismus derzeit eindeutig die Oberhand. Angesichts der erdrückenden Beweislage für das Ausmaß der Krise hat kaum noch jemand den Mut, Unsinn wie „Das Klima hat sich schon immer verändert“ zu verbreiten, um Untätigkeit zu rechtfertigen: Man muss mittlerweile etwas subtiler vorgehen, wenn man seine Glaubwürdigkeit bewahren will. Dagegen wird der Verweis auf „Realismus“ oder, noch besser, auf „Pragmatismus“ von vielen als gewinnbringende Haltung wahrgenommen. Ist es in unseren Gesellschaften nicht schließlich üblich, zu verhandeln und Kompromisse einzugehen, um Probleme zu lösen?

Bezeichnen wir diesen Ansatz als „Neopragmatismus“, der zwar behauptet, die Existenz der Klimakrise nicht zu leugnen, sondern jeden Begriff von Dringlichkeit und Verantwortung durch einen trügerischen Gegensatz zwischen wissenschaftlichen und sozioökonomischen Daten verwässert, die auf eine Stufe gestellt werden, als würden sie in einer Gleichung als Größen gleicher Art auftreten.

„Pragmatismus ist ein stiller Killer im Kampf gegen den Klimawandel“, argumentierte bereits 2018 Esther Turnhout, Expertin für Natur- und Forstpolitik und Professorin an der Universität Wageningen in den Niederlanden, als sie sich auf einen Vortrag im Rahmen des Symposiums „Earth Futures“ vorbereitete. Ihrer Meinung nach besteht allzu oft die Tendenz, „technologische Lösungen aus einer pragmatischen Perspektive zu betrachten“. Doch, so fährt sie fort, „solange wir uns weiterhin auf pragmatische Lösungen konzentrieren, werden die eigentlichen Probleme verschleiert“.

Ein weiteres Beispiel: In der Zeitschrift „Foreign Affairs“ empfahl der Journalist Hal Harvey im Jahr 2020, nachdem er die – zugegebenermaßen recht alarmistischen – Bücher von Bill McKibben und David Wallace-Wells zusammengefasst hatte, eine „gezielte, realistische Strategie“ bestehend aus einer Ausweitung der CO₂-Emissionsmärkte, einer Verdreifachung der F&E-Budgets und einer Politik der öffentlichen Beschaffung bei Vorreitern der Dekarbonisierung. Das „sei vielleicht nicht so mitreißend wie Forderungen nach revolutionären Veränderungen“, aber es „würde funktionieren“, erklärte er.

Der Neopragmatismus ist diese nebulöse Mischung aus einem Appell an den gesunden Menschenverstand, dem Verweis auf eine „menschliche Natur“, die angeblich von Grund auf gegen Veränderungen allergisch ist, auf wahlpolitische Zwänge und – last but not least – auf finanzielle Erwägungen (Kosten des Wandels, BIP-Verlust, Verschuldung …). Man muss ihn als eine neue, in Verleugnung versunkene Bastion anprangern. In der Praxis versuchen seine Anhänger aktiv, die Debatte zu entpolitisieren, um sich mit schmerzlosen Lösungen und vorsichtigen Maßnahmen zufrieden zu geben, die den Widerstand gegen den Wandel überwinden sollen. Dabei sollte allein schon der von Grund auf ungerechte Charakter der Mehrfachkrise, mit der die Menschheit konfrontiert ist, ausreichen, um diesen Ansatz zu disqualifizieren. Räumen wir jedoch ein, dass es diejenigen, die diesen Ansatz verfolgen, leicht haben: Wer würde in einer ideologischen Debatte oder einem Wahlkampf das Risiko eingehen, als dogmatisch oder fundamentalistisch abgestempelt zu werden?