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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Morgen höre ich damit auf

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe August 2021
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Was tun die Eigentümer von Lagerstätten und Infrastrukturen für fossile Energien, wenn die Behörden ankündigen, ihre Maßnahmen zur Dekarbonisierung verstärken zu wollen? Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn sagte bereits 2008 voraus, dass sie sich bemühen würden, so viel Öl, Gas und Kohle wie möglich zu fördern, solange sie die Möglichkeit dazu hätten. Sofern nicht gleichzeitig sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite auf globaler Ebene angegangen werden, laufen staatliche Klimaschutzmaßnahmen daher Gefahr, den gegenteiligen Effekt zu erzielen, indem sie kurzfristig zu einer Beschleunigung der Fördermaßnahmen und einem Anstieg der Emissionen führen. Dieses als „grünes Paradoxon“ bezeichnete Prinzip ist umstritten, schon allein deshalb, weil es die Messlatte so hoch legt, dass es von den Verfechtern des Status quo, den „Inaktivisten“, auf heuchlerische Weise herangezogen werden kann.

Die aktuellen Ereignisse liefern uns jedenfalls ein anschauliches Beispiel dafür. Im Vorfeld der COP26 in Glasgow gibt sich die britische Regierung alle Mühe: Das Vereinigte Königreich war das erste Industrieland, das sich ein Netto-Null-Ziel gesetzt hat, und will den Verkauf von Nicht-Hybrid-Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ab 2030 verbieten. Gleichzeitig fördert sie jedoch im Namen der wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie die Ausbeutung der Ölfelder in der Nordsee und legt damit den Grundstein dafür, diese buchstäblich „bis zum letzten Tropfen“ auszubeuten. Britischen Medienberichten zufolge ist die Regierung von Boris Johnson im Begriff, die Erschließung des Ölfelds „Cambo“ vor der Küste der Shetlandinseln zu genehmigen. Zwar hat die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon Johnson gebeten, dieses Projekt angesichts „der Schwere des Klimanotstands“ noch einmal zu prüfen, doch hat sie es vermieden, sich offen dagegen auszusprechen. Cambo enthält insgesamt 800 Millionen Barrel und soll jährlich 170 Millionen Barrel fördern. Der Widerstand gegen dieses wahnwitzige Projekt formiert sich, insbesondere in Schottland, hat jedoch bislang nur zu einigen vereinzelten Demonstrationen geführt.

Könnte man sich ein besseres Beispiel für „Morgen höre ich auf“ vorstellen, die Maxime der Drogenabhängigen und Alkoholiker? Leichtsinn, Nachlässigkeit, Heuchelei, Schizophrenie – alles ist dabei. Wie Greg Muttitt vom Internationalen Institut für nachhaltige Entwicklung im „Guardian“ feststellt, ist Cambo keineswegs eine Ausnahme. Dank der in den Haushalten 2015 und 2016 vorgesehenen Senkungen der Ölfördersteuer ist die Ölförderung im Vereinigten Königreich wieder gewachsen und wurde lediglich durch die Pandemie unterbrochen. Aber keine Sorge: Ab dem nächsten Jahr soll sie wieder steigen. Die Regierung trägt ihren Teil dazu bei: Im vergangenen Jahr hat sie 113 neue Ölbohrungen genehmigt.

Muttitt will dennoch daran glauben: „Als Vorreiter der industriellen Revolution hat Großbritannien vor über 200 Jahren dazu beigetragen, die Welt in den massiven Verbrauch fossiler Brennstoffe zu führen. Heute muss diese Ära zu Ende gehen, und es muss die Vorreiterrolle übernehmen “, fordert er seine Landsleute auf.