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Feuilleton 4 Min. Lesezeit

Madrid an der Seine

Comic

Erschienen in Ausgabe Juli 2021
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Die großen und kleinen Anstrengungen haben nicht ausgereicht. Die globale Erwärmung hat sich verstärkt. Zwei Jahre nach vielen afrikanischen Ländern sind Italien, Spanien und Portugal unbewohnbar geworden. Mal waren es Brände, mal Überschwemmungen, die die Bewohner aus dem Land ihrer Vorfahren vertrieben haben. Ganze Bevölkerungsgruppen werden durch diese Naturkatastrophen nach Norden getrieben und vergrößern die ohnehin schon langen Listen der Klimaflüchtlinge. Das ist die Geschichte von „Klimaflüchtlinge & Kastagnetten“ von David Ratte, der neuen Serie des Autors von „Toxic Planet“, „Die Reise der Väter“, „Mamada“, „Die außergewöhnlichen Abenteuer von Père Limpinpin“ oder auch „Meine Tochter, mein Kind“. Ein alarmierendes Szenario, gewiss, aber keineswegs eine Katastrophe. Eine zeitlose Erzählung, die sich jedoch, wie eine Dystopie, ganz offensichtlich in der Gegenwart abzuspielen scheint.

Um dieser neuen Welle von Klimaflüchtlingen zu begegnen, hat Frankreich ein Ministerium für Ökologie und Klimakrise eingerichtet. Dieses requiriert nun alle freien Wohnflächen, um diese Neuankömmlinge unterzubringen. Leere Büros, Häuser und Wohnungen natürlich, aber auch Gästezimmer in Wohnungen oder sogar Schlafsofas in Einzimmerwohnungen. Ob sie wollen oder nicht, die Pariser müssen ihre Türen öffnen und sie bei sich zu Hause aufnehmen – im Gegenzug für einen kleinen monatlichen Scheck. Nur die Eigentümer und Bewohner von Dienstmädchenzimmern scheinen von dieser neuen Regelung ausgenommen zu sein, ebenso wie kranke Menschen, die ein ärztliches Attest vorlegen können.

Louis hat zwar versucht, sich einen zu besorgen, denn der junge Mann leidet unter zahlreichen Zwängen und fühlt sich in Gesellschaft nicht wohl. Nicht einmal mit seiner Freundin, der sehr vornehmen Bérénice, die seit fünf Jahren darauf wartet, dass Louis zustimmt, dass sie zusammenziehen. Pech für den jungen Mann: Seine Psychologin ist hingegen der Meinung, dass in seinem Fall „die Teilnahme an der Gemeinschaft sogar eine sehr positive Wirkung haben kann“. Nun ist er gezwungen, seine hübsche Dreizimmerwohnung im 16. Arrondissement mit einer Spanierin zu teilen: Maria del Pilar Gomez y Gomez. „Normalerweise ordnet man Menschen nach ihrem Geschlecht ein, aber wir hielten es für sinnvoller, diese Dame nicht von ihren Enkelkindern zu trennen“, erklärt die Vertreterin des Ministeriums. Und tatsächlich: Während Louis im Erdgeschoss die Großmutter bei sich aufnimmt, nehmen seine Nachbarn im dritten Stock Kiko, den Enkel, bei sich auf, während die Nachbarin im vierten Stock ihr Zuhause mit der jungen Nieves teilen muss. Letztere ist übrigens die Einzige in der Familie, die Französisch spricht – nun ja, zumindest „ein paar Grundkenntnisse“ hat. Im Übrigen müssen sich die Bewohner mit dem Leitfaden zum Zusammenleben „Willkommen im Flüchtlingshilfeprogramm – Gebrauchsanweisung und Steuererleichterung“ begnügen. Das macht richtig Lust darauf!

Gerade als sich die Aurelia aurita, also die Mittelmeerquallen, in der Seine am Fuße des Eiffelturms ansiedeln, zieht die Familie Gomez in die Rue Norbert Chevalier 31 ein. Während das Zusammenleben im dritten und vierten Stock fast reibungslos zu verlaufen scheint – Kiko mag es nicht besonders, wenn Männer seine Schwester anstarren –, spielt sich im Erdgeschoss gerade eine Revolution ab. In der Wohnung – wo die temperamentvolle Großmutter beginnt, Paella für ein ganzes Regiment zu kochen und die ganze Nachbarschaft einzuladen –, aber auch im Kopf des jungen Mannes, der sieht, wie seine Ruhe und seine ganz im Stil des (alten) Frankreichs geprägten Gewohnheiten ins Wanken geraten.

Mit „Klimaflüchtlinge & Kastagnetten“ schlägt David Ratte auf indirekte Weise und mit einem Hauch von Humor Alarm gegen Umweltverschmutzung, Klimawandel und die anhaltende Ausbeutung, die die Menschen dem Planeten und der Artenvielfalt derzeit zumuten. Hier gibt es keine großen Reden über unseren übermäßigen Konsum, unsere egoistischen Lebensweisen oder die Vogel-Strauß-Politik der größten Umweltverschmutzer – seien es Einzelpersonen oder ganze Länder –, sondern lediglich eine kleine Geschichte über die Folgen, die all dies haben könnte. Eine Geschichte auf Augenhöhe, die sich auf den ersten Blick auf diese seltsame Begegnung zwischen einer alten Spanierin und einem jungen Pariser beschränken könnte, die gezwungen sind, zusammenzuleben, die es aber auch schafft, ernste Themen anzusprechen. Umweltfragen, das wird klar, aber auch Rassismus, Krankheit, übertriebene Bürokratie, der Individualismus der Bewohner der schicken Viertel… „  „Hätte ich das gewusst, hätte ich mir eine kleinere Wohnung gekauft “, wird sogar ein Bewohner des Hauses sagen. Charmant ! Trotz seiner 56 Seiten liest sich dieser erste Band in einem Zug und lässt sich gerne noch einmal lesen. Nun warten wir gespannt auf die Fortsetzung.