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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Lasst uns genau hinschauen

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Juli 2022
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Letzte Woche kam es zu einem Streit um ein russisches Frachtschiff, die „Zhibek Zholy“, das aus dem von russischen Truppen besetzten Hafen von Berdjansk ausgelaufen war. Dieses Schiff transportiere 7.000 Tonnen aus der Ukraine gestohlenes Getreide, protestierte die Regierung in Kiew. Auf Antrag ihres Botschafters in der Türkei wurde das Schiff einige Tage lang von den türkischen Behörden in Karasu am südlichen Ufer des Schwarzen Meeres festgehalten, bevor es die Erlaubnis erhielt, mit seiner Ladung an Bord in russische Hoheitsgewässer zurückzukehren.

Dieser Vorfall steht im Zusammenhang mit der durch die Invasion der Ukraine entstandenen Krise, die das Land daran hindert, einen Großteil seines Weizens zu ernten und zu exportieren. Eine Situation, die, wie die Medien immer wieder betonen, für viele Länder die Gefahr einer Hungersnot mit sich bringt.

Zwar macht sich der Mangel an ukrainischem Weizen auf den Weltmärkten allmählich bemerkbar, insbesondere in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, die große Importeure sind – auch wenn sich die Katastrophenszenarien glücklicherweise bislang nicht bewahrheitet haben.

Aber der Ehrlichkeit halber muss man zugeben, dass die Welt nicht erst auf Putin gewartet hat, um sich selbst auszuhungern. Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, hat am vergangenen Samstag betont, in welchem Maße die durch die Erderwärmung in vielen Ländern verursachte Dürre zum Einbruch der Getreideproduktion führt. In Marokko ist diese im Jahr 2022 im Vergleich zu 2021 um 68,4 Prozent gesunken, von 10,5 Millionen Tonnen auf 3,3 Millionen.

Das Alentejo, die Kornkammer Portugals, leidet unter einer Dürre, die dazu führen wird, dass sich ein erheblicher Teil der regionalen Ernte mehr als halbieren wird – nachdem der Mai von Meteorologen als der trockenste seit 92 Jahren bezeichnet wurde.

In der Poebene, dem historischen Anbaugebiet für Weizen und Reis (vierzehn Prozent der italienischen Agrarproduktion), hat es seit dem Winter praktisch nicht mehr geregnet. Ein Reporter der Financial Times besuchte südlich von Mailand einen Erzeuger von Carnaroli-Reis, der für Risotto verwendet wird. Dieser berichtete, dass er in Turnschuhen über seine Felder laufen könne, während er normalerweise dicke Gummistiefel tragen müsse. Während die Reisstängel zu dieser Jahreszeit normalerweise bis zu seinen Hüften reichen, reichen sie in diesem Jahr nicht höher als bis zu seinen Knöcheln. Die italienische Regierung hat letzte Woche für fünf Regionen im Norden und in der Mitte des Landes den Notstand ausgerufen und die extremen Wetterereignisse, die diesen Ernteeinbruch verursachen, auf den Klimawandel zurückgeführt.

Die Ukraine exportiert normalerweise mehr als fünfzig Millionen Tonnen Getreide pro Jahr, und die russische Invasion macht die Lage nicht besser. Doch es ist in der Tat die Störung der Niederschlagsmuster, verursacht durch unsere massiven Treibhausgasemissionen, die langfristig die verheerendsten Auswirkungen auf die weltweite Getreideversorgung haben dürfte. Wenn wir morgen noch etwas zu essen haben wollen, ist der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und eine drastische Reduzierung der Fleischproduktion keine Option mehr.