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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Garantierte kollektive Vernichtung

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe März 2022
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„Das ist Wahnsinn. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bedeutet die garantierte gegenseitige Vernichtung“, erklärte diese Woche der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, empört. Man hätte die Doktrinen der gegenseitig garantierten Zerstörung (oder MAD, nach dem verrückten englischen Akronym), die die schlaflosen Nächte des Kalten Krieges heimgesucht hatten, längst ganz hinten im Schrank verstauen können. Wladimir Putin kann sich rühmen, sie wieder hervorgeholt zu haben, indem er sie mit all dem Zynismus, zu dem er fähig ist, einsetzt und missbraucht, um seine Interessen in Georgien, Tschetschenien und Syrien sowie in diesen Tagen in der Ukraine durchzusetzen.

Während die Einwohner von Mariupol von der russischen Armee gequält werden, sollte man sich daran erinnern, dass sich die Bedingungen der Gleichung, die die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion daran gehindert haben, sich gegenseitig durch Atomexplosionen zu vernichten – und mit ihnen den Rest der Welt –, grundlegend geändert haben: Zu der Gefahr einer weltweiten Verwüstung, die ein offener Konflikt zwischen den beiden am besten bewaffneten Staaten mit sich bringt, ist die Gewissheit einer garantierten kollektiven Zerstörung hinzugekommen, sollte unser ungebremster Verbrauch an Kohlenwasserstoffen anhalten. Das heißt nichts anderes, als dass die geopolitische Lehrmeinung, wie sie heute von den meisten anerkannten Strategen vertreten wird, eine Situation beschreibt, die es eigentlich gar nicht mehr gibt: Der derzeitige Krieg im Norden des Schwarzen Meeres, verbunden mit der anhaltenden Weigerung unserer Gesellschaften, die Schwere der Klimakrise ernst zu nehmen, zwingt uns dazu, dringend eine völlig neu gestaltete globale Sicherheitsarchitektur zu konzipieren und umzusetzen.

Das Spektrum der Haltungen gegenüber dem Gleichgewicht des Schreckens, das lange Zeit von blindem Pazifismus bis hin zu kriegerischem Extremismus reichte, hat sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR auf westlicher Seite um einen merkantilistischen Pragmatismus erweitert, der rasch die Oberhand gewann und dessen Sinnlosigkeit wir heute erkennen. Eine Sicherheitsarchitektur zu konzipieren, die sowohl das nukleare Risiko als auch die Gewissheit einer Klimakatastrophe berücksichtigt, setzt voraus, sowohl die Erpressung mit dem Kanonenboot als auch die mit der Zapfsäule zu neutralisieren: ein zweifellos schmaler Weg. Doch wenn ein Staatschef, für den die Einnahmen aus seinen Öl- und Gasvorkommen für den Fortbestand seiner autoritären Herrschaft unerlässlich sind, seinen Kunden die Atompistole an die Schläfe hält, sollte es für diese offensichtlich sein, dass sie weder der Einschüchterung nachgeben noch seine Übergriffe weiterhin finanzieren dürfen.

Die Vorstellung, dass ein Paradigmenwechsel notwendig ist, um das Leben auf der Erde zu erhalten, wurde in allen möglichen Varianten wiederholt, sodass sie mittlerweile wohl bis zum Überdruss abgedroschen ist. Der Krieg in der Ukraine zeigt uns jedoch, dass er nach wie vor von größter Relevanz ist. Eine Konfrontation unter Berufung auf die Gefahr eines interkontinentalen Flächenbrandes zu vermeiden, mag dieses Risiko zwar kurzfristig abwenden, bedeutet aber auch, sich zu einer Zukunft zu verdammen, in der fossile Brennstoffe weiterhin uneingeschränkt herrschen und uns geradewegs in die tödliche Verwüstung führen, die in den jüngsten Berichten des IPCC beschrieben wird.