Ein paar Töne auf dem Synthesizer wirken wie ein Sammelruf. Unter sengender Sonne tauchen auf der bis dahin menschenleeren Ebene einige Dutzend Neulinge auf, bereit, einen Fuß – oder sogar mehr – in die schrille Welt von Jackie Moontan zu setzen. Dieser betritt die Bühne in einem braunen Anzug und leitet seine Show mit der Gelassenheit eines Zirkusdirektors oder eines Pfarrers ein. An seiner Seite, auf der Casa Communa Stage, erkennt man trotz ihrer Verkleidungen Pol Belardi, Jérôme Klein und Niels Engels. Jackie Moontan ist ein wahres Bühnentier. Er gibt alles und setzt sich mit ganzer Kraft für die „ ladies and gentlemen and everything between “ ein, die er herzlich begrüßt hat, die aber angesichts seiner Späße noch eiskalt bleiben. Er rennt herum und lässt sich vor einigen Kindern mit Helmen fallen, die sich direkt vor der Bühne niedergelassen haben. Die Truppe präsentiert eine sonnige, Vintage-angehauchte Popmusik mit einem Hauch von Kitsch, ohne dabei jemals kitschig zu wirken. Nach einer halben Stunde Show ist die Verbindung zum Publikum hergestellt. Man kann nur empfehlen, einen Blick auf den YouTube-Kanal des Sängers zu werfen, der zwar eher unbekannt, aber voller Perlen ist.
An diesem Samstag, dem 3. Juni, findet auf dem Gelände NeiSchmelz in Dudelange zum zweiten Mal das zweitägige Usina-Festival statt. Vielleicht die einzige wirklich gelungene Initiative, die das ansonsten so traurige Kulturjahr Esch2022 hervorgebracht hat. Die einzige wesentliche Änderung bei dieser Ausgabe ist die Aufstellung der Hauptbühne auf dem Parkplatz des Zentrums Opderschmelz/CNA, um den zukünftigen Entwicklungen des Areals Rechnung zu tragen, das in einigen Jahren zu einem Wohnviertel werden soll. Ansonsten bleibt das Konzept unverändert. Nicht-französischsprachige Musik mit Verstärker für ein Programm, das ebenso anspruchsvoll wie breit gefächert ist. Am späten Nachmittag versuchen die lokalen Musiker von Trouble in Paradize auf der kleineren Vewa-Bühne vergeblich, das Publikum in Schwung zu bringen. Ihre verzerrte Musik kommt nur mäßig an, doch die Begeisterung der Band ist unbestritten. Der Sänger zieht sein Oberteil aus und begibt sich zu seinem Publikum, um ein eher bescheidenes Bad in der Menge zu nehmen. Wenig später elektrisieren die Berliner von Public Display of Affection die Bühne. Madeleine Rose, die Sängerin mit der mitreißenden Stimme, vollführt unkoordinierte Bewegungen und verschmilzt förmlich mit der Bühne.
Das brachliegende Gelände zwischen dem Wasserturm und dem Skatepark wurde sinnvoll und geschmackvoll neu gestaltet. Der Weg dorthin ist jedoch mit Tücken gespickt. Schon zu Beginn des Abends ist es schwierig, sich durch die Menschenmassen der Festivalbesucher zu schlängeln. Die lokale Presse wird am nächsten Tag allein für diesen Samstag eine Besucherzahl von 4.000 Personen melden. Heute Abend ist die Rap-Gruppe De Läb, die seit etwa fünfzehn Jahren im Großherzogtum unterwegs ist, einer der Headliner. Als Vorband tritt Nicool auf, die mit Live-Auftritten vertraut ist und sich dabei besonders wohlfühlt. Unterstützt wird sie von ihrer treuen Partnerin Nadja Prange, die auch bei der Fred Barreto Group mitwirkt. Ihr regelmäßiger Spagat zwischen reinem Bluesrock und Boom-Bap-Rap ist lobenswert.
Die Turbin-A Stage begrüßt David Galassi und Gilles Corbi, die Mitbegründer von De Läb, zusammen mit den Mitgliedern ihrer Live-Band. Zu den anwesenden Musikern gehört der Jazz-Schlagzeuger Benoît Martiny, dessen Mitwirken stets ein gutes Zeichen ist. Dies ist eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass Martiny vor einigen Monaten ein großartiges experimentelles Projekt namens „Phase O“ veröffentlicht hat, das den verstorbenen Itaru Oki und Steve Kaspar gewidmet ist, die beide im großen Saal von Opderschmelz geglänzt haben. Das Rapper-Duo reißt einen Song nach dem anderen aus seinem Repertoire an, die von einem Teil des Publikums, das bereits von ihnen überzeugt ist, im Chor mitgesungen werden. Zur gleichen Zeit führt Lorenzo Mena alias El Loren auf dem Gelände der ehemaligen Industriebrachen eine Performance auf, die perfekt zu seiner Umgebung passt. Der Street-Drummer spielt auf und mit seinem Sammelsurium aus PVC-Rohren, Farbtöpfen und Blechstücken. Später präsentiert die niederländische Band Altin Gün ein Set mit mitreißenden Kompositionen, deren gekonnte Mischung aus 70er-Jahre-Psychedelia und traditioneller türkischer Musik sie berühmt gemacht hat. Peter Fox, so etwas wie ein deutscher Superstar, scheint die Menge auf den Höhepunkt des Abends einzustimmen. Zur Halbzeit dieser zweiten Ausgabe ist es noch zu früh, um Schlussfolgerungen zu ziehen. Und gleichzeitig entdeckt selbst ein scharfsinniger Blick, der nach Fehltritten Ausschau hält, keinerlei Mängel in der Organisation und im Programm. Wir ziehen also schon jetzt unseren Hut und kommen wieder.