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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Ein Plädoyer für Sabotage

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Bei seiner Gründung hatte sich „Extinction Rebellion“ (XR) den gewaltfreien zivilen Ungehorsam als ausschließliches Aktionsmittel zu eigen gemacht. Die Gründer stützten sich dabei auf eine Analyse großer sozialer Bewegungen der letzten hundert Jahre, die die Politikwissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan in ihrem Werk „Why Civil Resistance Works“ vorgenommen hatten. Darin vertreten sie die Auffassung, dass jene Bewegungen am erfolgreichsten darin waren, einen Regimewechsel herbeizuführen, denen es gelang, Gewalt zu vermeiden – vorausgesetzt, sie konnten eine kritische Masse der Bevölkerung mobilisieren, nämlich zwei bis drei Prozent der Bürger.

In „How to Blow Up a Pipeline“ widerspricht der Schwede Andreas Malm sowohl der Analyse von Chenoweth und Stephan als auch deren Übernahme durch diejenigen, die sich für einen raschen Ausstieg aus fossilen Energien einsetzen wollen. Angesichts der Dringlichkeit, so argumentiert er, müsse man sich an den Gedanken gewöhnen, dass dieser Ausstieg, soll er rechtzeitig gelingen, durch Sabotageakte gegen fossile Infrastrukturen beschleunigt werden müsse.

Die beiden als Maskottchen fungierenden Politikwissenschaftlerinnen von XR haben das Bild der von ihnen analysierten sozialen Bewegungen etwas beschönigt und dabei beispielsweise die Gewalttaten ausgelassen, die die iranische Revolution prägten, die 1978–79 den Schah stürzte, die Angriffe auf Polizeistationen in ganz Ägypten, die 2011 eine entscheidende Rolle beim Sturz Mubaraks spielten, oder auch die Meutereien, die parallel zu den von Gandhi in Indien geführten Unabhängigkeitskampagnen stattfanden, wie Malm ausführt. Um das Wahlrecht zu erzwingen, haben die Suffragetten zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen. „ Wie hat sich Algerien befreit ? Angola ? Guinea-Bissau ? Kenia ? Vietnam? Irland?“, fragt er. „Der Fall der Berliner Mauer? Die Menschen haben den Beton nicht gestreichelt.“

Früher oder später müsse die Klimabewegung, um die Staaten zum Handeln zu zwingen, direkt gegen die Standorte der Förderung, Verarbeitung und des Transports fossiler Brennstoffe vorgehen, so Malm. Ein weiteres Ziel, das seiner Meinung nach im Vordergrund stehen muss, ist der protzige, emissionsintensive und äußerst sinnlose Überkonsum der Superreichen (Privatjets, Riesenyachten …), dessen Fortführung mit ernsthaften Maßnahmen zur Dekarbonisierung unvereinbar ist.

Zwar wird die Beschädigung einer Ölpipeline oder eines Gasterminals im Allgemeinen als gewalttätige Handlung angesehen. Doch, so argumentiert Malm, was ist mit der rücksichtslosen Fortsetzung der Emissionen des thermoindustriellen Komplexes, die langfristig Millionen von Menschen – oft gerade diejenigen mit den emissionsärmsten Lebensweisen – zu Elend, Krankheit, Migration und Tod verdammt? Weit davon entfernt, wahllos zu sein, wie es der Terrorismus per Definition ist, ist die von ihm befürwortete, hochgradig gezielte Sabotage in seinen Augen mit dem moralischen Kapital vereinbar, über das die Klimabewegung verfügt – sofern sie sich an Martin Luther Kings Regel hält, „das Leben in keiner Weise zu gefährden“.