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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Der Schatten statt des Abdrucks

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Juli 2022
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Der Begriff des individuellen CO₂-Fußabdrucks, der vor etwa zwanzig Jahren in der öffentlichen Debatte noch so gut wie keine Rolle spielte, ist mittlerweile allgegenwärtig. Sich dieses Fußabdrucks bewusst zu werden und Anstrengungen zu unternehmen, ihn deutlich zu verringern, ist zum Synonym für klimaverantwortliches Verhalten geworden. Online-Rechner und mobile Apps bieten uns die Möglichkeit, ihn zu berechnen und zu überwachen. Aber ist dieser Begriff wirklich sinnvoll?

Ein erster Hinweis, der uns stutzig machen sollte, ist seine Herkunft. Zwar sprachen Wissenschaftler wie William Rees und Mathis Wackernagel bereits in den 90er Jahren vom ökologischen Fußabdruck, doch bezog sich dieser sowohl auf Gemeinschaften als auch auf Einzelpersonen und umfasste verschiedene Dimensionen: CO₂, aber auch Wasser oder Biodiversität. Eine groß angelegte Kampagne, die 2005 von BP ins Leben gerufen und von Ogilvy konzipiert wurde, hat das Konzept des individuellen CO₂-Fußabdrucks populär gemacht – mit einer starken Botschaft im Hintergrund: Es sind die persönlichen Entscheidungen der Verbraucher – und nur diese –, die zur Lösung der Klimakrise beitragen werden.

Auch wenn diese Entscheidungen gewisse Veränderungen bewirken können, reichen sie bei weitem nicht aus: Ein Großteil des CO₂-Fußabdrucks ist systemischer Natur. Veränderungen durch individuelle Initiativen haben nur begrenzte Reichweite und wirken nur langsam. Das veranlasst Benjamin Franta, Forscher an der Stanford-Universität, zu der Aussage, dass diese PR-Kampagne von BP möglicherweise „eine der erfolgreichsten und irreführendsten aller Zeiten“ gewesen sei.

Der Fußabdruck, der durch die Schwerkraft entsteht und von Natur aus vertikal ist, verweist auf eine statische Sichtweise der Gesellschaft, während der Schatten, der in alle Richtungen fällt und sich ständig verändert, von der Beleuchtung und unseren Handlungen abhängt. In einem Artikel mit dem Titel „Vergessen Sie Ihren CO₂-Fußabdruck, sprechen wir über Ihren Klimaschatten“ argumentiert die US-amerikanische Journalistin Emma Pattee, dass CO₂-Fußabdruck-Berechnungen ein unvollständiges, wenn nicht gar irreführendes Bild der tatsächlichen Klimaauswirkungen einer Person vermitteln und dass der Begriff des „Klimaschattens“ weitaus aussagekräftiger ist. Vergleichen wir einen Wissenschaftler, der regelmäßig mit dem Flugzeug zu Konferenzen und Sensibilisierungsveranstaltungen zum Thema Klimawandel reist, mit einem Bankangestellten, der Tag für Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Der Erste wird im Vergleich zum Zweiten zweifellos einen katastrophalen CO₂-Fußabdruck haben, doch sofern seine Bank massiv in fossile Energien investiert, ist es der Bankangestellte, der bei weitem die schädlichsten globalen Auswirkungen hat.

Der Klimaschatten, schreibt Emma Pattee, „hilft jedem von uns, sich vorzustellen, wie die Summe all unserer Lebensentscheidungen den Klimanotstand beeinflusst“. Und sie erklärt: „Stellen Sie sich Ihren Klimaschatten als eine dunkle Gestalt vor, die sich hinter Ihnen ausbreitet. Wohin Sie auch gehen, dort ist er auch und misst nicht nur Ihren Einsatz von Klimaanlagen oder den Benzinverbrauch Ihres Autos, sondern auch, wie Sie wählen, wie viele Kinder Sie haben möchten, wo Sie arbeiten, wie Sie Ihr Geld anlegen, wie oft Sie über den Klimawandel sprechen und ob Ihre Worte die Dringlichkeit, die Apathie oder die Verleugnung verstärken.“