Neu Start der neuen Website des Land Zum Onlineshop →
Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Die letzte Chance für die Wälder

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe September 2022
Artikel teilen auf

Das Heizen mit Holzpellets wurde von der Europäischen Union als Alternative zu Heizöl, Kohle oder Gas gefördert. Ausgehend von der (falschen) Annahme, dass Holz per Definition eine erneuerbare Energiequelle sei und diese Praxis zum Klimaschutz beitrage, begann die EU vor etwa zehn Jahren, diesen Sektor zu subventionieren. Es war bereits bekannt, dass diese Subventionen in einigen Fällen dazu geführt hatten, dass wertvolle Wälder in den Appalachen (und anderswo auf der Welt) abgeholzt wurden, um Holzpellets für Heizkessel auf dieser Seite des Atlantiks zu liefern. Aber auch in Europa führt diese Regelung zu unsinnigen Abholzungspraktiken. Das geht so weit, dass Holz heute in der EU eine wichtigere Energiequelle darstellt als Wind- und Solarenergie, obwohl es in Bezug auf Emissionen und Biodiversität eine katastrophale Bilanz aufweist.

Reporter der New York Times haben Schritt für Schritt eine Lieferkette nachverfolgt, die ihren Ursprung in den Urwäldern Nordrumäniens hat und die Pelletmärkte von etwa zehn europäischen Ländern beliefert. In den rumänischen Wäldern, die zwei Drittel der unberührten Waldflächen der EU ausmachen, werden Kahlschläge vorgenommen. Das Holz wird zermahlen, und der dabei entstehende Staub wird zu Pellets gepresst, die über Förderschnecken zu Heizkesseln transportiert werden, nachdem sie nach Italien, Griechenland, Österreich oder Deutschland befördert und dort verkauft wurden. Die Tageszeitung veröffentlichte eindrucksvolle Luftaufnahmen des Nationalparks Bicaz-Schlucht und des Hasmas-Gebirges in den Ostkarpaten, die dokumentieren, wie ganze Hänge dieser ökologisch wertvollen Region in den letzten drei Jahren systematisch verwüstet wurden, um die weiter flussabwärts gelegenen Zerkleinerungsanlagen zu versorgen. Insbesondere Wälder in Dänemark, Schweden, Polen und Finnland erleiden ein ähnliches Schicksal.

All dies ist eine schreckliche Verirrung: Wertvolle Biotope, die zugleich Kohlenstoffsenken und Rückzugsorte mit kühler Luft bei Hitzewellen sind, werden einer undurchsichtigen Rentabilitätslogik geopfert. Die europäischen Rechtsvorschriften schreiben zwar vor, dass diejenigen, die lebende Bäume fällen, um Pellets herzustellen, neue Bäume pflanzen müssen, doch haben sie gleichzeitig den nationalen Regierungen die Aufgabe übertragen, die Umsetzung dieser Regelung zu überprüfen. Das heißt nichts anderes, als dass sie, um die Entstehung nationaler Pellet-Industrien zu fördern, ein Auge zugedrückt haben. Während das Europäische Parlament nächste Woche im Rahmen der Überarbeitung der EU-Richtlinie über erneuerbare Energien für eine Reform dieses Marktes stimmen könnte, agieren zahlreiche Mitgliedstaaten hinter den Kulissen, um ihre eigenen Industriezweige zu schützen. Dass diese Abstimmung mitten in der Energiekrise stattfindet, macht die Sache natürlich nicht besser. Die Abgeordneten täten gut daran, sich daran zu erinnern, dass man zwar einen Baum pflanzen kann, aber nicht mit einem Zauberstab einen ganzen Wald wiederherstellen kann.