Vor kurzem war ich in Deutschland, wo mir auf Schritt und Tritt Beunruhigendes begegnete – als Antwort, als Gratiszugabe, als Proviant für die Reisende. „Alles gut!“, antworteten der Zugbegleiter, die Hotelangestellte, der Verkäufer auf eine Frage, eine Verunsicherung, eine Beanstandung. „Alles gut!“, klang es tagtäglich, im Supermarkt, beim Äppelwoi, vor der Bahnhofstoilette, wenn ich meckelte oder ein kleines Sorgenchen aufkeimte. Dieses allgegenwärtige Mantra zog sich durch meinen Aufenthalt in Deutschland, es war ein Kulturschock. Bin ich doch Bewohnerin eines Landes, in dem grundsätzlich und bis zum quasi unmöglich zu erbringenden Gegenbeweis erst einmal alles – Achtung, Triggerwarnung! – Oarsch ist. Also Scheiße, wie die Deutschen sagen. Was natürlich viel bequemer ist als Lebensmotto – wie wohlig, sich mit diesem Leidmotiv im Leiden zu suhlen! Alles gut! Habe ich das richtig gehört? Was war hier los, dieser penetrante Optimismus, frisch gewaschen wie die Stimme von Angela Merkel, wie das Gehirn des neuen Menschen? Meinten sie das wirklich?
Was war mit den Deutschen los? Zuerst wurden sie immer italienischer – mit Zügen, die zu unvorhersehbaren Zeiten fahren, einem Flughafen, dessen Eröffnung ewig in der Schwebe bleibt –, während die maßnahmentreuen Italiener*innen zunehmend ein Verhalten an den Tag legen, das wir eigentlich den Deutschen vorbehalten hatten. Und jetzt sind sie auch noch aufdringlich gut gelaunt.
Alles in mir sträubte sich gegen dieses aufdringlich-fröhliche „Frisch“, das alles, was weder frisch noch fröhlich war – vielleicht sogar welk oder kümmerlich –, vom Bildschirm wischte. Diese Teflon-Gute-Laune, an der alles abprallt. Dieses offen und frei herausgeschmetterte Geschwätz, das alles Lästige niederschmettert. Alles optimal, jeder und jede selbstoptimal in der Selbstoptimierungsmaschinerie. Nur nicht suboptimal!
Diese offensive gute Laune gab es doch früher gar nicht; in der guten alten Zeit war alles schlecht, wer gut drauf war, hatte bestimmt Drogen genommen. Die Erde war ein Jammertal, man küsste sich nicht ständig, in Luxemburg antwortete man auf die Frage, wie es geht, mit „et muss“. „Jo merci!“ war der Höhepunkt der Euphorie.
„Nice to meet you!“, sagten die Amerikaner*innen, und schon landeten Küsse auf den Wangen der USA-Neulingin. Alle fanden es so „nice“, mich kennenzulernen! Das kam mir doch etwas übertrieben vor, und in jugendlicher Strenge diagnostizierte ich Heuchelei. Kein Wunder bei dem Kapitalismus, dass sie mich so imperialistisch vereinnahmten! Sehr bald schon fand ich es aber total nett, siebzigjährige Ehepaare, Nixon wählende Tankstellenbesitzer, den greisen Apotheker, der von der Rundstedt-Offensive schwärmte, zu treffen. So schnell geht so was. Eine Floskel, die von den Lippen flutscht.
Was ist schlecht daran, alles gut zu finden? USA-Fans schwärmen von dem eingravierten Lächeln, mit dem man dort empfangen wird, statt der herabgezogenen Mundwinkel hier; die Supermarktverkäuferin in den Staaten ist viel besser gelaunt als die hier, obwohl sie sicher noch viel weniger verdient als die hier. Es kostet doch nichts, ein bisschen nett zu sein!
Bin ich die Einzige, die auf hygienische Freundlichkeit mit einer Abwehrreaktion reagiert – also ist das mein Problem, stimmt etwas mit mir nicht? Dass schon zwei gut gemeinte Worte eine Neoliberalismus-Paranoia auslösen? Guggelguggel, Brigitte-Redakteurin Susanne Arndt spricht von einer Epidemie. Tilman Krause sprach bereits 2017 von einer kindischen Segensfloskel, einer schamanischen Geste, einer Heile-Welt-Beschwörungsformel. „Alles gut!“, murmelt Hans im Unglück hinter seiner Maske vor sich hin. Der wunderbare Dichter und Satiriker Wiglaf Droste, der – schnief! – 2019 das Zeitliche gesegnet hat, schreibt in einem Gedicht: „Alles gut ist nämlich Pflicht!“. In der Sprache des Terrors. Aus dem Wörterbuch des modernen Unmenschen entlarvt Stefan Gärtner 2021 darin sogar Propaganda, einen neoliberalen Schlachtruf, der die Abstiegsängste der Mittelschicht übertönen soll.
Irgendwann – ich war schon lange aus dem Land zurück, in dem alles gut war – merkte ich, wie locker ich plötzlich unangenehme Gespräche mit einer flotten Floskel beendete. Eine chirurgisch saubere Zauberfloskel und tschau! So halte ich mir das vom Leib. Aber mit dieser beschwingten Note, wirklich super.