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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Die extreme Rechte gegen ESG

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Juli 2023
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Der neueste Trend, mit dem die Wirtschaft vorgibt, die Klima-, Umwelt- und Gesellschaftskrisen ernst zu nehmen, präsentiert sich in Form eines Akronyms. Die Umsetzung einer ESG-Strategie – kurz für „Environmental, Social and Governance“ – soll den Anschein eines verantwortungsvollen Umgangs mit diesen Themen erwecken. In der Praxis picken sich die Unternehmen aus wenig verbindlichen Rahmenwerken „Leistungskennzahlen“ , die ihnen zusagen, und präsentieren sich dann – gestützt auf die Nachhaltigkeitsziele der UNO – als Vorreiter bei der Dekarbonisierung, im Kampf gegen Diskriminierung oder bei der Arbeitssicherheit. Dieser Ansatz läuft meist auf Kommunikationsmaßnahmen hinaus, die darauf abzielen, bei Investoren, die auf ESG-Werte achten, Pluspunkte zu sammeln.

Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Annahme, dass das ESG-Universum für konservative Kreise in den USA ein wahrer Segen sein müsste. Dabei wird jedoch der rechte Flügel der Republikanischen Partei außer Acht gelassen, der stets zur Stelle ist, wenn es darum geht, die rückständigsten Interessen zu verteidigen. Für diese überzeugten Verfechter fossiler Energien ist die Abkürzung ESG gleichbedeutend mit einer teuflischen Erfindung – um es ganz offen zu sagen: „woke“ –, die dazu geeignet ist, die Kapitalrenditen und die Erträge von Pensionsfonds zu schmälern. Eine Untersuchung von Documented, einem investigativen Journalismusbüro, die zu einem ausführlichen Bericht der New York Times führte, hat aufgedeckt, wie sich ein Verband von Finanzministern republikanisch kontrollierter Bundesstaaten in den letzten Jahren organisiert hat, um die finanziellen Hebel dieser Staaten im Dienst von Strafkampagnen gegen Fonds und Banken einzusetzen, die ESG-Kriterien bei ihren Investitionsentscheidungen heranziehen. Riley Moore, der Finanzminister von West Virginia, kündigte an, dass unter anderem Goldman Sachs, JP Morgan und Wells Fargo von Verträgen seines Bundesstaates ausgeschlossen würden, da sie beabsichtigten, ihre Investitionen in Kohle zu reduzieren. Er und seine Kollegen aus Louisiana und Arkansas haben gemeinsam 700 Millionen Dollar aus BlackRock, dem weltweit größten Fondsmanager, abgezogen, dem sie vorwerfen, von Umweltaspekten besessen zu sein. Ihre Bemühungen werden von den republikanischen Vorwahlkandidaten Mike Pence und Ron DeSantis unterstützt. In Texas verbietet ein von Gouverneur Greg Abbott unterzeichnetes Gesetz staatlichen Behörden, in Unternehmen zu investieren, die ihre Beziehungen zu fossilen Energieunternehmen abgebrochen haben. Für diese unerbittlichen Republikaner ist der Begriff „ESG“ mittlerweile ein Gräuel.

Anstatt das Feigenblatt zu ergreifen, das ihr die ESG-Strategien bieten, trifft die amerikanische Hardline-Rechte die unkluge Entscheidung, eine rein ideologische Front im Herzen des Systems zu eröffnen, das sie selbst nährt. Ein kompromissloser Kurs der bewussten Polarisierung, der das Potenzial für gewalttätige Konflikte birgt. Auf die Gefahr hin, sich langfristig ihr eigenes Grab zu schaufeln, setzt sie auf die kurzfristigen Vorteile dieser Radikalisierung, in der Überzeugung, dass sich die Befürworter von ESG-Kriterien, „Baby Steps“ und einem breiten Konsensaufbau auf dieses Spiel der Täuschung einlassen und ihre Maßnahmen abschwächen werden.