Man hört oft, dass die Energiewende, also der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, sehr teuer sei und zwangsläufig mit massiver Arbeitslosigkeit einhergehe. Sie würde also zu einer solchen Destabilisierung der Gesellschaft führen, dass es besser sei, es gar nicht erst zu versuchen und stattdessen auf die Entwicklung alternativer Technologien zu warten. Dies ist zweifellos einer der Mythen, die sowohl am lähmendsten sind als auch am tiefsten in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert sind.
In einer aktuellen Studie widerlegt der Forschungsingenieur Mark Z. Jacobson von der Stanford-Universität diese These gnadenlos. Er zeigt, dass sich eine vollständige Energiewende, die in 145 Ländern mit Hilfe bekannter Technologien durchgeführt wird und 99,7 Prozent der weltweit zur Energieerzeugung ausgestoßenen Treibhausgase auf null reduziert, bei Kosten von 62.000 Milliarden Dollar nicht nur innerhalb von sechs Jahren amortisiert, sondern bringt zudem derart große Vorteile für die menschliche Gesundheit und die Vermeidung künftiger Katastrophen mit sich, dass es schlichtweg blind ist, nicht sofort damit zu beginnen.
Das Konzept von Jacobson und ihrem Team ist einfach: die gesamte Wirtschaft im Eiltempo zu elektrifizieren. Dabei kommen ausschließlich bewährte und kostengünstige Technologien zum Einsatz, die gleichzeitig zur Bekämpfung der Luftverschmutzung und der globalen Erwärmung sowie zur Stärkung der Energiesicherheit beitragen. Deshalb umfasst es weder Bioenergie noch „Erdgas“, noch die Verbrennung fossiler Brennstoffe oder Biokraftstoffe, ergänzt durch CO2-Abscheidungsanlagen, noch die direkte CO2-Abscheidung, noch „blauen“ Wasserstoff (hergestellt mit Hilfe fossiler Energien) noch Kernenergie. Die Positivliste umfasst Windenergie, sowohl an Land als auch auf See, Solarenergie (Strom aus Photovoltaikmodulen, auf Dächern und in speziellen Kraftwerken), sowie solarthermische Energie (Concentrated Solar Power), Solarwärme, Geothermie (Strom und Wärme), Wasserkraft sowie geringe Mengen an Strom aus Gezeiten- und Wellenkraft.
Zur Speicherung von Strom setzen Jacobson und seine Kollegen vor allem auf Batterien, deren Herstellungskosten in den letzten Jahren drastisch gesunken sind, ziehen aber auch die Pumpspeicherkraftwerke, sowohl in bestehenden Staudämmen als auch in solarthermischen Kraftwerken, sowie die saisonale Wärmespeicherung im Boden und die kurzfristige Wärmespeicherung in Wasserspeichern. All dies sind widerstandsfähige Techniken, die eine stabile Stromversorgung gewährleisten können.
Mit diesem Konzept könnten die Emissionen im Zusammenhang mit der Energieerzeugung (einschließlich des Verkehrs) bis zum Jahr 2050 auf null gesenkt werden, hätte aber den unmittelbaren Nebeneffekt, die durch Luftverschmutzung verursachten verheerenden Folgen an der Wurzel zu bekämpfen, die auf sieben Millionen Todesfälle pro Jahr und unzählige Krankheitsfälle aller Art geschätzt werden.
Betrachtet man sie im Lichte dieser Studie, so sind die Preisnachlässe an den Tankstellen, die eigentlich als Reaktion auf den rasanten Anstieg der Ölpreise gedacht waren, – sagen wir es so – erbärmlich gering.