Jean-Marie Le Pen, dessen Name – wenn auch nur schwach – auf „peine“ und „gégène“ reimt, ist also tot und doppelt begraben: zunächst in der Feindschaft seiner Familie in La Trinité-sur-Mer, dann im öffentlichen Aktivismus in Paris. Doch auch wenn sein Leichnam kalt und tot ist, sind seine Ideen heißer und stärker denn je. Davon zeugen die Wahlergebnisse fast überall auf der Welt, und davon zeugen auch die – leider so zu nennenden – Ehrungen durch die Rechte und die extreme Rechte. De mortuis nihil nisi bonum. Die Gelegenheit war für die Rechte zu verlockend, um seine Banalisierung zu vollenden, und für die extreme Rechte, um ihn zu verherrlichen und laut auszusprechen, was sie insgeheim weiterhin denkt. Das lateinische Sprichwort diente Macron und Bayrou als Deckmantel, um dem machohaften Wähler und der faschistischen Wählerin nach dem Mund zu reden: „ Die Geschichte wird über den Kämpfer urteilen “, schwadronierten sie in der Hoffnung, dass das dankbare Töchterchen die Regierung nicht so bald beurteilen werde. Und diese fühlte sich endlich berechtigt, Tränen – die keine Krokodilstränen waren – über die Leiche ihres Vaters zu vergießen und öffentlich zu bedauern, ihn aus der Partei ausgeschlossen zu haben.
Getreu Freuds Lehre in „Totem und Tabu“ hat die Amazone der wilden Horde den Vater getötet, um sich seine Wählerschaft anzueignen und das höchste Amt zu erlangen, das der Alte ihr und den Ihren stets verwehrt hatte. Ist es ein Zufall, dass die Söhne der vom Vater der Psychoanalyse beschriebenen Urhorde heute Töchter sind, vorzugsweise blond, die Marine, Alice oder auch Georgia heißen und den Vater unter den Namen Marschall, Führer oder Duce verehren? Letzterer wird übrigens nicht getötet, sondern auferweckt und verehrt.
Um Georgia nachzuahmen, hat Marine Alice verleugnet und den väterlichen FN in RN umbenannt – ein neuer, zurückhaltender Name für eine alte Bewegung, die nationalen Groll bündelt. Es stimmt, dass bei diesem Vorhaben der „Entdämonisierung“ der Folterer von Algier zusammen mit Zemmour die nützliche Rolle des Gegenpol, kurz gesagt des Teufels, spielte, gegenüber dem die Tochter fast wie ein Engel wirkte.
Die Wortwahl der einen wie der anderen – ebenso wie die von Trump in seiner Antrittsrede – ist bezeichnend für das Übel, das das politische Leben zerfrisst. Le Pen senior bezeichnet ihren verstorbenen Vater als „Krieger“, während Bayrou von ihm als „Kämpfer“ spricht. Die eine zeigt damit, dass sie sich bereits in der Postdemokratie befindet, während der andere sich noch immer der Illusion hingibt, einen Gegner auf demokratischem Wege zu bekämpfen. Diese Don Quichottes täten gut daran, Carl Schmitt noch einmal zu lesen, den umstrittenen Juristen der Nazis und notorischen Antidemokraten, der einen starken politischen Staat befürwortete, der für ihn der einzige Garant für einen schwachen Sozialstaat war. Ein solcher Staat diskutiert nicht mit Gegnern, sondern führt Krieg gegen Feinde.
Worte kündigen die Tat an und gehen ihr voraus; das schwer verdauliche Wort trägt die Geste in sich. „Am Anfang war das Wort“, mahnt uns der Heilige Johannes. Wehret den Anfängen! Der Redner Le Pen war ein Virtuose des Wortes, und sein Ende rechtfertigt die Mittel, die seine Tochter und ihresgleichen einsetzen und missbrauchen, um die Demokratie zu begraben. Und um mehr als zwei Jahrtausende später Platons These zu bestätigen, wonach die Demokratie im ewigen Kreislauf der Regierungsformen die Tyrannei hervorbringt.