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Feuilleton 3 Min. Lesezeit

Beide sind ungerade

Cinemasteak

Erschienen in Ausgabe September 2021
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Das Paradoxe an der Moderne des Kinos ist, dass es auf traditionelle Themen zurückgreift, die meist aus einem Fundus stammen, der sich über mehrere Jahrhunderte Literatur erstreckt. Traditionell, weil universell: Da die beiden Pole Liebe und Tod das gesamte menschliche Leben durchziehen, sind diese existenziellen Themen dazu bestimmt, in unendlicher Vielfalt variiert zu werden. So verhält es sich auch mit dem dritten Spielfilm von Noémie Lvovsky, der diese Woche in der Cinémathèque de Luxembourg auf dem Programm steht: „Les Sentiments“ (2003), dessen Handlung auf einer bis zum Überdruss abgedroschenen Affärengeschichte basiert. Die Faszination, die dieser Film dennoch ausübt, beruht jedoch zu einem großen Teil auf der Qualität seiner Darsteller – dem verstorbenen Jean-Pierre Bacri, Isabelle Carré, Nathalie Baye, Melvil Poupaud – sowie an der Sensibilität der Filmemacherin, deren Talent, Fantasie und emotionale Kraft in jedem ihrer Werke viel zu selten gewürdigt werden. Ähnlich wie bei Maurice Pialat oder Arnaud Desplechin, mit dem Lvovsky zweimal als Drehbuchautorin zusammengearbeitet hat („La vie des morts“, 1991, „La sentinelle“, 1992), sind ihre intimistischen Filme aus zutiefst menschlichem, manchmal sogar autobiografischem Stoff gefertigt und werden stets mit großer Feinfühligkeit behandelt: die Irrwege der Liebe („Oublie-moi“, 1994), eine unvergessliche Rückkehr in die Kindheit (Camille redouble, 2012), die Einsamkeit eines kleinen Mädchens angesichts des sanften Wahnsinns einer in eine Anstalt eingewiesenen Mutter (Demain et tous les autres jours, 2017) … Man kommt jedes Mal mit gebrochenem Herzen und tränenüberströmtem Gesicht daraus hervor. Auf wundersame Weise besänftigt.

Während „Camille redouble“ eine Art Remake von Coppolas „Peggy Sue hat geheiratet“ (1986) war, stellt „Les Sentiments“ eine Variation von François Truffauts „Die Frau von nebenan“ (1981) dar. Hier gibt es keine verhängnisvolle Liebe, wie es in letzterem Film der Fall ist, sondern ein Zusammenleben zwischen engen Nachbarn, das schließlich in Untreue mündet. Und doch könnte man schwören, dass nichts zwischen François (Poupaud) und Édith (Carré) stehen könnte, dem jungen Ehepaar, das gerade aufs Land gezogen ist. Vertraut, attraktiv und glücklich bilden sie das ideale Paar – fast schon wie aus der Werbung, so (zu) perfekt scheint ihr Zusammenleben zu sein. Im Gegensatz dazu sind Carole (Baye) und Jacques (Bacri), die schon lange in der Gegend leben, langsam in einem eintönigen Alltag versunken. Sie sind auf der Strecke geblieben und sehen sich kaum noch an: Er verbringt viel Zeit bei der Arbeit (er ist Landarzt), während sie sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmert. Die Ankunft neuer Nachbarn bietet daher eine Gelegenheit, ihre (schlechten) Gewohnheiten zu durchbrechen. Das zumindest denkt man, wenn man die aufkeimende Vertrautheit zwischen den beiden Frauen beobachtet. Bis man Jacques’ ersten Fehltritt bemerkt, der Édith schon bei der Vorstellung einen eindringlichen Blick zuwirft…

Doch diese Geschichte der verflochtenen Herzen will Lvovsky keineswegs idealisieren. Während sie einerseits jede noch so kleine Geste der Zuneigung festhält, die sich unsere verbotenen Liebenden austauschen, zögert sie andererseits nicht, die Trostlosigkeit zu zeigen, die niemanden verschont, sobald die „Wahrheit ans Licht kommt“. Ein Wandel, der sich in der Kleidung widerspiegelt: Auf die flatterhaften Röcke, die die sorglose Édith trägt, folgt am Ende des Films eine eng anliegende Jeans, die die Rückkehr zu einer sozialen Ordnung symbolisiert. Zudem fällt auf, dass kein Nachname genannt wird: eine Art, die Instabilität und Zerbrechlichkeit der Familie zum Ausdruck zu bringen, die beim geringsten Ausdruck von Begierde auseinanderbrechen kann. So ist es unmöglich, wenn nicht gar schwierig, für den einen oder anderen Partei zu ergreifen, ohne dass einem das Herz schwer wird. Eine letzte, willkommene Besonderheit der Inszenierung: Ein Chor untermalt die Erzählung mit Liedern und betont so die Themen der Fabel, die sich vor unseren Augen abspielt und uns zugleich entgleitet.

„Les Sentiments“ (Frankreich, 2003), Originalfassung, 94’, wird am Montag, dem 6. September, um 19 Uhr in der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg gezeigt