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Gesellschaft 3 Min. Lesezeit

Im Trudeln

Chroniken aus der Notaufnahme

Erschienen in Ausgabe Mai 2025
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Die Modelle, die zur Analyse der großen geophysikalischen Gleichgewichte und zur Vorhersage ihrer Schwächung oder ihres Zusammenbruchs entwickelt wurden, sind mittlerweile bemerkenswert zuverlässig. Wenn Abweichungen beobachtet werden, deuten diese fast ausnahmslos auf eine Beschleunigung und Verschärfung dieser Risiken hin. Dagegen erweist sich unsere Fähigkeit, die Entwicklung unserer gesellschaftlichen Strukturen in diesem schicksalhaften 21. Jahrhundert vorherzusehen, als dürftig. Das gilt sogar für diejenigen, die sich darauf spezialisiert haben, darunter auch die, die man manchmal als „ Kollaps-Theoretiker “ bezeichnet. Nur wenige Zukunftsforscher hätten sich vor etwa zehn Jahren vorstellen können, welches Ausmaß autoritäre und faschistoide Tendenzen heute weltweit annehmen.

In ihrem 2015 erschienenen Buch „Wie alles zusammenbrechen kann – Ein kleines Handbuch der Kollapsologie für die heutigen Generationen“ widmeten Pablo Servigne und Raphaël Stevens dem Risiko, dass die Auswirkungen der Polykrise zum Entstehen von Diktaturen führen könnten, nur wenige Zeilen. „Wenn das Vertrauen schwindet, wenn Löhne und Renten nicht mehr pünktlich ausgezahlt werden oder wenn die Nahrungsmittelknappheit zu gravierend wird, gibt es keine Garantie dafür, dass die bestehenden politischen Systeme Bestand haben. Faschistische Kräfte könnten sehr wohl von der Zunahme sozialer Unruhen, der wachsenden Wut eines gedemütigten Volkes oder einer unfreiwilligen und weit verbreiteten ‚Rückkehr zum Lokalen‘ profitieren, die durch wiederholte wirtschaftliche Fehlfunktionen verursacht wird “, schrieben sie. Europa könnte dann „viel schneller als erwartet das Entstehen abgeschotteter und zweifellos gewalttätiger Gesellschaften erleben, weit entfernt vom kosmopolitischen Ideal einer ‚freien‘ und ‚offenen‘ Welt“.

Ein weiterer Analyst für Zusammenbruchsrisiken, Luc Semal, dessen Buch „Face à l’effondrement – militer à l’ombre des catastrophes“ 2019 erschien, möchte daran glauben, dass der Katastrophismus neu bewertet und in einen Ansatz umgewandelt werden kann, der es dem demokratischen Projekt ermöglicht, sich neu zu erfinden.

Der Gedanke, dass der Hauptauslöser für den autoritären Abwärtsstrudel, den wir heute erleben, in den Vereinigten Staaten liegen könnte – diesem mythischen „Land of the Free“ –, schien diesen Autoren damals jedoch nicht einmal in den Sinn zu kommen. Und doch sind wir genau an diesem Punkt angelangt. Man muss anerkennen, dass der Machtantritt eines Regimes in Washington, das beharrlich die Grundlagen der Rechtsstaatlichkeit untergräbt, darüber hinaus die Klima- und Umweltrisiken leugnet und die widerwärtigen Mechanismen des weißen Suprematismus voll ausschöpft, die Karten von Grund auf neu mischt. Es macht die zaghaften und unbeständigen Maßnahmen der Europäischen Union zur schrittweisen Dekarbonisierung zunichte, aber auch die Bemühungen der „Transition“-Bewegungen, die hoffen, im Schatten eines zerstörerischen Wirtschaftssystems die Keime tragfähiger Modelle für Dekarbonisierung und Degrowth zum Blühen zu bringen.

Die Wege, die sowohl von den Institutionen, die schrittweise mit der Vorherrschaft fossiler Energien brechen wollen, als auch von den Aktivistenorganisationen eingeschlagen werden, scheitern in der Tat am bewusst nihilistischen Charakter des Trump-Regimes und seiner Nachahmer. Für die EU beispielsweise wird die Aufrechterhaltung ihrer Klimaziele zunehmend zu einem donquichotischen Unterfangen. Für die Aktivisten, deren Einfluss sich als entscheidend für die Gestaltung dieser Ziele erwiesen hat, ist das Erwachen besonders brutal. Die Strategien, die sie in den letzten Jahren entwickelt haben, auch in den Vereinigten Staaten, sind in ihrer jetzigen Form nicht wirklich vereinbar mit der Aushöhlung der Grundfreiheiten (Meinungs- und Bewegungsfreiheit), der Menschenrechte (körperliche Unversehrtheit) und der Garantien gegen Willkür wie dem Habeas-Corpus-Recht. Sie beruhen auf dem Vorhandensein eines Minimums an demokratischen Strukturen. Sie setzen beispielsweise implizit darauf, dass die Bevölkerung demonstrieren oder streiken kann, um einen Kurswechsel zu erreichen. Wenn der Protest gegen die Fortsetzung des Thermokapitalismus oder anderer Ungerechtigkeiten bedeutet, sich schweren Haftstrafen oder der Abschiebung auszusetzen, müssen Aktivist*innen ihre Strategie neu definieren. Wenn die Aushöhlung der Grundfreiheiten ein solches Ausmaß erreicht, dass jeder Aktivist befürchten muss, zu einer hohen Strafe verurteilt, aus seinem Beruf entlassen oder ausgegrenzt zu werden, werden die derzeitigen Arbeitsweisen militanter Organisationen unwirksam.